Face Music - History of the Turkish people in Altai

Text in German

Bevölkerung im Altai
- turksprachiges, ethnisch gemischtes Volk ab dem 6. Jahrhundert - Auszug aus „Acta Slavica“ von Andrei Znamenski

Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. standen Völker rund um den Altai unter turkischem Einfluss. Sie unterhielten Handelsbeziehungen, die vom Pazifischen Ozean bis zur Donau reichten. Sie glauben, Nachkommen eines Ur-Stammes der Aschina mit dem Totem des Wolfes zu sein. Erzählt wird von einem legendären Vorfahren, dessen Mutter eine Wölfin war und der mit einer indogermanischen Frau aus dem Turfan verheiratet war und mit seiner Familie im Tien Shan lebte. Solche Vorstellungen sind typisch für die Clanbezeichnungen der Turk-Stämme, deren Abstammung und deren Totem (Clanbanner).

Die Bevölkerung hat sich mit der durch die Vermischung von nomadisierenden und noch sesshaft gebliebenen Stämmen und Gruppen in ihrer Herkunft "verloren", sie waren im Sinne eines ganzheitlichen Stammes keine Einheit mehr; vielmehr bildeten sie lockere Zusammenschlüsse mit unterschiedlichen Ethnien, die unter einem gemeinsam gewählten Führer einbrechende Stämme bekämpften. Bis zum Beginn der mongolischen Herrschaft, dieser einmaligen Vereinigung aller Turk- und Mongolen-Stämme zu einem Grossreich im 13. Jahrhundert n. Chr., hatten sich mehrere solche Stammeskonföderationen gebildet:

  • Erstes Turk-Kaganat von 530 bis 551
  • Westliches Turk-Kaganat von 619 bis 630
  • Zweites Turk-Kaganat von 682 bis 742
  • Uigurisches Kaganat von 742 bis 840
  • Kiptschak Föderation - dauerte bis 1207

  • Kiptschaken – Bezeichnung für Ostslawen, die im Igorlied als Polowezer bezeichnet und bei den Westeuropäern und Byzantinern als Kumanen oder Komanen bekannt sind. Der Name bedeutet wohl „hellhäutiger Steppenbewohner“ und stammt vermutlich aus dem Turkischen oder Mitteliranischen.

  • Siedlungsgebiet, Einflusszone und Machtbereich der Kiptschaken um 1200 n. Chr. - see map

Die Turkstämme bilden eine Bevölkerungsgruppe: das moderne Altai mit den Nachbarstämmen der Soyoten (Tuwiner), Sacha (Jakuten) und Tadaren (Chakassen). Sie können bis in diese Zeit der Turk-Kaganate zurückverfolgt werden. Clanverbände existierten noch bis ins 18. Jahrhundert, vor Beginn der Eroberung durch Russland und China. Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Bevölkerung im Altai (südliches Sibirien) neu geordnet. Die im Norden in den Wälder Lebenden nannte man im russischen Jargon "Schwarzwald Tataren"; sie blieben vorwiegend Jäger und Sammler. Die im Süden nannte man nun Bergaltaier (Altaikizhi – Bergmenschen): sie betrieben Viehwirtschaft mit Sommer und Winterweiden und blieben auch weiterhin Nomaden oder Halbnomaden.
Eine Islamisierung begann im 9. Jahrhundert. Nachfahren des westlichen Reichs von Dschingis Khan traten im 14. Jahrhundert unter Timur Lenk vom „Tschagatai-Chanat“ endgültig zum Islam über.

- weitere Informationen zur "Geschichte der Reiternomaden"

Die Geschichte dieser Turk- und Mongolenstämme ist reich an Kriegen, die zwischen bzw. unter diesen Gruppen geführt wurden, wobei es dabei die Macht an sich reissenden, "göttlich gewählten" ehrgeizigen Führer, die „Häuptlinge von Stämmen“ (Beks, Zaisans, Kagans oder Khans), gab, was zu Tumulten, der Bildung von Föderationen oder Reichen (Zusammenschlüssen) führte. Diese sind aber nie auf dem Prinzip einer Nationenbildung realisiert wurden. "Dynastien" – mit einem bleibenden Kern aus der Vereinigung - wurden nicht gebildet, wobei es hier natürlich einige Ausnahmen gibt, die aber nur einen kurzen Zeitraum überlebten, in der Regel eine oder zwei Generationen. Diese Dynastien waren kurzlebig und während ihrer Existenz sehr leistungsstark. Verbände oder solche Zusammenschlüsse von Clans (Söks), vereint unter einem von höheren Mächten bestimmten Häuptling, sind aufgrund von äusseren Bedrohungen zur Stärkung ihrer Verteidigung entstanden. Die Ursachen solcher Massenbewegungen waren Konflikte im Zuge der Ausbreitung oder Wanderung von Stämmen, die mehr Raum für ihre grossen Viehherden benötigten, oder die durch klimatische Veränderungen gezwungen waren abzuwandern. Föderationen oder Reichsbildungen enthielten Clanzusammenschlüsse unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Die Geschichten der Clans und Stämme reichen weit zurück, wie erstmals jene der Hsiung-nu Stämme (Xiongnu) in den Chinesischen Chroniken beschrieben wurden. Diese bildeten im letzten Jahrhundert vor Christus bereits Verbände und befanden sich andauernd im Konflikt mit den Chinesen. Die Hsiung-nu, Ruan Ruan, Hunnen und andere Zusammenschlüsse von Stämmen waren nie eine einheitliche Ethnie oder Nation. Sie bildeten eine grosse, multi-ethnische politische Konföderation unter einem Führer, in der unter anderem auch Indo-Europäer und Altturken lebten.

- weiter Informationen zu den Hsiung-nu, Ruan Ruan und Roten Hunnen (Chioniten)

Ende des 13. Jahrhunderts, mit Beginn des 14. Jahrhunderts wurde der westliche "Zweig" der mongolischen Herrschaft dem Dschingis-Khan-Sohn Jochi zugewiesen. Seine Nachkommen verloren allmählich ihre Eigenständigkeit und schlossen sich der „Weissen Horde" und der "Goldenen Horde“ an. Die Goldene Horde befand sich bereits in einem Prozess der Islamisierung, ihre Mitglieder wurden zu Muslims. Die Weisse Horde und die Dschungaren-Oiroten-Allianz sowie weitere Zusammenschlüsse wurden ebenfalls getrennt. Die Dschungaren haben sich in Richtung Buddhismus entwickelt.

"
Dschungar" ist ein vererbter Name einer damaligen militärisch-politischen Einheit in einer Clanallianz unter den Stämmen der "Oiraten" oder "Oiroten" mit der Bedeutung "Verbündete".

Diese Allianz der "Oiroten" und "Dschungaren" war eher ein politischer als ethnischer Zusammenschluss unter einem Altai Zaisan (Führer) mit Vertretern aus der Aristokratie anderer Gruppen, die sich zu einer solchen „Allianz“ unter Führung von Eke Jyrga bildeten – diese Allianz war zugleich oberstes legislatives und exekutives Organ.

Goldene Horde – Das um 1236 von mongolischen Reiternomaden gegründete Khanat wurde vom mongolischen Prinzen Batu (reg. 1236–1255), einem Enkelsohn von Dschingis Khan, als Ulus Jochi („Volk Jochis“) bezeichnet. Alten Traditionen zufolge bestand dieses Khanat aus einem rechten und einem linken Flügel. Diese „Flügel“ wurden aus zwei Horden gebildet. Der rechte Flügel bestand aus der Weissen Horde, der linke wurde aus der Blauen Horde gebildet. Diese nun vereinigte Horde wurde von der russischsprachigen Bevölkerung als Solotaja Orda, „Goldene Horde“, bezeichnet. Es wird auch vermutet, dass sich diese Bezeichnung von der Zeltfarbe des Dynastie-Gründers ableitete. Dieser soll alten Aufzeichnungen zufolge in einem goldfarbenen Ger („Goldener Palast“) gelebt haben. Die mongolischen Herrscher und die ihnen unterstehenden Wolga-Ural-Tataren übernahmen schliesslich selbst diese Bezeichnung. Zuvor hatten sie auch in Bezug auf ihre turksprachigen Untertanen, den Kiptschaken, die Bezeichnung „Khanat Kiptschak“ für ihr Herrschaftsgebiet verwendet.

- siehe Karte „Golden Horde“.
- weitere Informationen zu den Oiraten und Dschungaren

Im 17. Jahrhundert existierten die letzten grossen traditionellen Zusammenschlüsse von turk-mongolischen Stämmen im Osten der Mongolei unter den Chalcha-Fürsten. Sie wurden zu Vasallen unter China (1), wie auch später diese Oirat-Dschungaren-Allianz.

  • (1) Die Qing-Dynastie war nach der mongolischen Yuan Dynastie (unter Kubilai Khan) die zweite Dynastie Chinas, die nicht von Han-Chinesen gegründet wurde. Sie basierte auf dem Aufstieg des Volks der Jurchen, die als Jin-Dynastie (1125-1234) in Nordchina herrschten. 1635 änderten die Jurchen ihren Namen in Mandschu. Ab 1636 wurde die Dynastie selbst Qing genannt. – siehe Karte Qing Dynasty

Die Dschungaren herrschten zweimal grossräumig über Zentralasien und hielten ihre Vormachtstellung, erstmals in der Zeit um 1368 (nach dem Untergang der Yuan-Dynastie, einer Herrschaft unter Kubilai Khan – wird als mongolisches China bezeichnet) und bis zum Tod des Kagan Esen (1456). Während seiner Regierungszeit reichte ihre Herrschaft südlich bis ins Tibet und nach Peking. Ein zweiter Aufstieg zur Macht begann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als Kagan Khara Khula (Prinz der Oiraten – 1600-1634) die Herrschaft übernahm. Während der Regierungszeit seiner Nachfolger, Galdan (1653-1697) und Tsewan-Rabtan (1697-1750), herrschten sie über einen Grossteil Zentralasiens, über Ostturkestan (heutiges Xingjjang – Uigurenreich), Tibet, die Innere und Äussere Mongolei, Altai, Chakassien (Jenissei-Kirgisen, Kirgisien und Tuva). Telestämme waren bereits Vasallen unter dem Zusammenschluss der Dschungaren-Oiratverbände während deren Gründungszeit. Am Ende ihrer Herrschaft wanderte ein Teil der Tele- und Kirgisen-Stämme Richtung Tien Shan in den Turfan und gründeten dort zusammen das moderne Kirgisistan. Andere wanderten zurück in den Altai, in ihre alte Heimat.

1756 startete die Qing-Dynastie die Zerstörung des Dschungarenreichs unter der Mandschu Armee und dezimierte dessen Bevölkerung. Die Oirot-Führer versuchten, sich dieser Zerstörung zu widersetzen, wobei der berühmteste unter ihnen Amyr-Sana war; aber dies war vergeblich. Tele-Stämme zusammen mit anderen Oirot-Stämmen flüchteten in die alte Heimat in die Bergtäler des Altai. Diese unwegsamen Bergtäler bildeten einen natürlichen Schutz vor Verfolgern. Auf ihrer Flucht trafen Auswanderer mit anderen Turkstämmen auf hier immer noch in diesen Tälern siedelnde Tele-Stämme, die ihnen Unterschlupf gewährten. Geflüchtete Telestämme, die Hunderte von Jahren hier die Täler bewirtschaftet hatten, wurden nun in ihrer alten Heimat zu "Migranten". Sie wurden nicht eingebunden, sondern es bildeten sich neue Gruppen, genannt Altaikizhi (Bergmenschen), Stämme der Telengiten, Teleuten und Teles. Ein Teil der Oiroten, genannt auch Kalmücken, wanderten weiter in die Wolga-Region. Während der nächsten hundert Jahre lebten die Bewohner im Altai mit konstanten Krisen. Drei Viertel wurden durch die Qing-Mandschu Angriffe getötet, und der Rest verlor seine Integrität auf Clanebene (Söks) – eine Krise, die bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein reichte. Sie hatten keine eigene Zaisans (Führer oder Ältestenrat) mehr. Stämme, die ursprünglich nicht zu den Dschungaren gehörten, wurden Uriankhai genannt (was in der mongolischen Sprache bedeutet: "Menschen, die nicht unsere Sprache sprechen"). Sie siedeln in der heutigen westlichen Mongolei und im Nordwesten Chinas. Die im Hochaltai siedelnden Stämme, im heutigen südlichen Sibirien, wurden später Teil Russlands.

Die Zeit von 1756 bis ins letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war von andauernden Krisen geprägt. Nach dieser durch Massentötung durch die Qing-Armee ausgelösten Flucht vor Vernichtung in die Altaitäler waren die unteren Täler mit den besten Weiden und Feldern bereits im Besitz von russischen Siedlern, die hohe Landpreise verlangten und den Handel mit Lebensmitteln und Werkzeug beherrschten. Ihre Administration begann, Steuern einzuziehen - mit dem Zwang zu festen Siedlungen. Sie unterdrückte damit deren gewohnte nomadische Lebensform und ihre sozialen Strukturen. 1820 startete eine Zwangsmissionierung unter der orthodoxen Kirche. Die Geflüchteten waren plötzlich an neue soziale und wirtschaftliche Formen mit Sesshaftigkeit gebunden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts produzierten die Altaier unter einem letzten Zaisan (Führer) noch eigenständig und hielten Handel weit über ihren Lebensraum hinaus bis zu den europäischen Märkten. Sie spielten noch eine unabhängige, aktive Rolle innerhalb der kulturellen und wirtschaftlichen Gemeinschaft. Diese Katastrophe, d.h. die Flucht vor der Qing-Invasion und später vor der russischen Kolonisierung, zerstörte sukzessiv ein funktionierendes Netz einer Clan- und Stammes-Identität. Die Bevölkerung, die seit Jahrhunderten das Altaihochland sowie auch den mongolischen Altai bewirtschaftete, war nicht mehr als eine Einheit in einer Konföderation verbunden. Sie war zersplittert in unterschiedliche Stämme mit Clanführern, die eigene Sprachen und Sitten pflegten. Die Stämme der Chakassier (Jenisei-Kirgisen), Nenzen (1), Keten (2), Uriankhai (3), Tuwiner, Soyoten (4), Dschungaren (Ölöten bzw. Olöten) und Oiroten (Kalmücken) teilten den gleichen Siedlungsraum. Sie blieben einer „Allianz“ treu, die solche Kurultai (Delegiertenversammlung) organisierte, in Kosh-Agach in der Tschujasteppe. Diese untergehende Föderation war immer noch Vorgabe einer turkisch-mongolischen Konsolidierung, mit einem Glauben, einer Ideologie mit Ak Jang - „Weisser Glaube“, verknüpft. Daraus entstand im südlichen Sibirien die heutige Republik Altai innerhalb der Russischen Föderation.

  • (1) Die Nenzen stammen aus dem Altai-Sajan-Gebirgsraum und vermischten sich, nachdem sie am Ob abwärts gewandert waren, mit den dortigen Fischern und Jägern. Sie leben noch als Jäger entlang der arktischen Küste östlich und westlich des Urals. Eine grosse Bedrohung erleben die Nenzen durch die Ausbeutung der grossen Erdöl- und Erdgasförderung, die eine grossflächige Zerstörung der Rentierweiden vorantreibt. Sie gehören zu den Samojeden, einer finno-ugrischen Sprachgruppe.
  • (2) Die Keten – ket („Mensch“) oder deng („Leute“, „Volk“); Jenissei-Ostjaken, Nomadenvolk in Sibirien, verwandt mit den Chanten, siedelten zwischen Ob, Oberem Irtysch und Jenissei; sie betrieben Jagd, Fischfang und Rentierzucht. Ihre Sprache gehört zur finno-ugrischen Sprachgruppe.
  • (3) Altai Uriankhai – Bis Anfang des 17. Jahrhunderts war der Begriff Uriankhai für alle, die im Nord-Westen in der heutigen Mongolei siedelten, gleich, obwohl ihr Ursprung Samojeden, Turken oder Mongolen waren. 1757 erweiterten die Mandschu unter der Qing-Dynastie ihre Nordgrenze weit ins Siedlungsgebiet der Uriankhai hinein und unterwarfen diese. Die Altai-Uriankhai flüchteten zusammen mit den ebenfalls unterdrückten Oiraten in die Altaitäler.
  • (4) Die Soyoten sprachen Turkisch, eine heute ausgestorbene Sprache, ähnlich dem Tuvinischen. Sie lebten aber in der Oka-Region im heutigen Burjatien.

- mehr Informationen unter Dschungaren (Ölöten und Olöten), Oiraten, Altaier, Chakassen und Kirgisen.
- mehr Informationen unter „Die südlichen Völker
- mehr Informationen zu
Ak Jang und Burchanismus

Ein Teil der Bewohner des Altai, die jetzt als "Altaier" bezeichnet werden, wurden früher auch Weisse Kalmücken, Wald-Kalmücken, Altai-Tataren, Oiroten und Telengiten genannt und bildeten etwa 30 bis 40 Clans (Söks). Zurückgewanderte Teleuten und Teles waren nun ebenfalls Altaier, „Altaikizhi“. Sie hatten die gleichen Clannamen wie die Tuwiner und die Urianchai, die heute in der westlichen Mongolei siedeln, und waren einst eine Einheit innerhalb einer Konföderation. Doch hatten Clanmitglieder der Altaikizhi sich nie mit Tuwinern desselben Clannamens untereinander verheiratet. Clans (Söks) sind eine patrilineare exogame Einheit; sie sind sehr konservativ mit stabilen Strukturen innerhalb solcher Turk- und Mongolen-Gemeinschaften. Die Clannamen können bis ins frühe Mittelalter zurückverfolgt werden. Unterschiede in ihren Eigenschaften spiegeln eine polymorphe Natur wider, die sehr tief verwurzelt ist, und fundamentaler in Fällen einer multikulturellen Gemeinschaft. Diese indigenen demografischen Einheiten im Altai bildeten sich Ende des 18. Jahrhunderts, nach dem Fall des Dschungaren Khanats (1756). Damals drang eine grosse Anzahl ethnischer Gruppierungen aus dem Dschungarenreich in die oberen Altaitäler ein. Verfolgte liessen sich rund um den Altai nieder und bildeten neue Gruppen mit Siedlern, die bereits vor Ort siedelten. Angehörige dieser ehemaligen Auswanderer waren Stämme der Telengiten, Teles und Teleuten, die diese Täler nie verlassen hatten. Sie besiedelten seit Jahrhunderten diesen Gorny Altai (bedeutet: Altai Hochland oder Berge des Altai), diese bergige Region mit schwer zugänglichen Tälern und Flüssen, die von Feinden nicht einfach zu durchdringen war und somit eine sichere Wohnstätte bildete. Im Osten lebten ihre nahen Verwandten, die Tuviner und Chakassen (Jenisei-Kirgisen), im Westen und Süden die muslimischen Berg-Kasachen (Kara-Kirgisen). Sie haben sich nie als Nation "verstanden", sondern bildeten nur lockere Stammesverbände. Die Geschichte der Turken und Mongolen ist reich an unterschiedlichen Reichsbildungen und Stammeszusammenschlüssen, die aber nie auf dem Prinzip eines Nationalstaates basierten. Gewöhnlich waren diese Verbünde sehr kurzlebig, aber gross und mächtig während ihrer Existenz. Sie waren Verbände von Clans, Stämmen, zusammengeführt und vereint unter der Vorherrschaft eines Kagan (Khan = Führers) – eines von „Gott bestimmten" Führers. Die Gründe für solche Konsolidierungen waren Bedrohungen von aussen, ein enormes Bevölkerungswachstum und/oder klimatische Bedingungen, die eine Abwanderung erforderten. Solche Vereinigungen oder Reiche enthielten Clans unterschiedlicher Herkunft, und in der Regel dauerten sie nur so lange, wie es nötig war, um eine bestimmte Aufgabe wie die Suche nach neuen Ufern oder ein Abwehren angreifender Feinde, zu erfüllen. Nachdem Stämme "abgewehrt" waren und ihr nomadisches Dasein gesichert war, führten die Clans wieder ihre Autonomie ein. Dies wird als "Herrschende Dynastien" bezeichnet – sie bildeten den Kern nie in der Form eines Nationalstaates – sie waren Zusammenschlüsse, Verbände von Clans, die einen gemeinsamen Führer für diesen Zeitraum bestimmten. So kann die Geschichte der "Altaier" nur im Kontext solch einer turkischsprachigen mongolischen Welt vorgestellt werden. Clans, die inzwischen in der Bevölkerung des Altaihochlands als Basiseinheit einer Selbst-Identifikation bestanden, hielten sich über längere Zeiten und über einen weiten Raum - auf ihrem Höhepunkt stark unter turkischem Einfluss stehend. Sie breiteten sich im 6. bis 8. Jahrhundert vom Pazifischen Ozean bis zur Donau aus. Im Laufe der Jahrhunderte blieb ein homogener "Clanpool" zurück, der solche nomadischen Konföderationen bildete und im Wesentlichen aber immer etwa gleich war, während demzufolge in einigen Regionen, besonders zum westlichen Rand hin, eine turkischsprachige mongolische Domäne „verloren“ gegangen war. Aus einer Kultur mit Nomadenleben und wandernden Herden mit Alpwirtschaft entwickelte sich allmählich eine bisher sesshafte Gemeinschaft, die turkisch dominiert war. So blieb ein allgemeines Muster einer turk-mongolischen Selbst-Identität bis in die Neuzeit gleich. Vor 200 Jahren oder noch früher wurde diese homogene oder nahezu homogene regionale, kulturelle und ethnische Kontinuität durch äussere Einflüsse stark verändert; so etwa durch neue Herrscher wie Russland oder China. Eine Reihe von Nationalstaaten wurde gegründet, wobei sich Kolonialismus mit "nationalen Regionen" und/oder Republiken innerhalb Russlands und Chinas ausbildete.

- mehr Informationen unter “Geschichte der Reiternomaden

Bis 1860 waren Turkisch sprechende Nomaden, die in höheren Bergtälern im Altai (im südlichen Sibirien) siedelten, mit dem russischen Imperium und dessen Siedlern in Kontakt. Mehrheitlich lebten sie jedoch isoliert. Lange Zeit dienten sie als Pufferzone zwischen dem Russischen Reich und der westlichen Mongolei, die unter chinesischer Herrschaft stand. Bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts waren die Altaier unter der Dschungaren-Oirat-Allianz in einem organisierten Stammesverbund mit Mongolenstämmen vereint. 1750 zerfiel diese Allianz, abgesehen von früheren internen Konflikten, unter Angriffen der Manschu-Armee unter der Qing-Dynastie. Hier wurde ein Völkermord unter der eroberten Bevölkerung entfesselt, um die Untreue (Souveränitätsverletzungen) einiger ihrer Häuptlinge (Führer), die ständig Seiten wechselten, zu bestrafen. Im Verlauf des Krieges vernichteten Truppen neunzig Prozent dieser Oirot- und Dschungaren- Bevölkerung. Sie kämpften um ihr Überleben und fanden Zuflucht in den höher gelegenen Altaitälern, in der Nähe zu russischen Grenz-Festungen. Sie suchten Schutz und Unterschlupf unter der Schirmherrschaft der damaligen Zarin Elisabeth (die sie "Jungfrau Zarin" nannten), wobei sie hofften, dadurch als Untertanen akzeptieren zu werden. Ein aktuelles Sprichwort im Altai machte seinen Umlauf: "Ich weiss nicht, ob ich in dieses Land zurückkomme, tot oder lebendig“.

Es entwickelte sich keine Zusammengehörigkeit innerhalb dieser Geflüchteten und bereits hier siedelnden Gruppen. Eine nomadisch lebende Gemeinschaft, bekannt als Vertreter der Ur-Altaier, wurde einst durch Auswanderungen entvölkert und deren Stämme zersplittert, womit supratribale Einheiten entstanden, die sich von den Kriegswirren ihrer Nachbarn abschirmten und Zuflucht in unwegsamen Flusstälern suchten. Es ist verständlich, dass im gebirgigen Altai keine geographische Zusammengehörigkeit entstand, sondern nur eine neue Heimat für Flüchtlinge geschaffen wurde, obwohl diese Gruppen verschiedene Sprachen sprachen und verschiedenen Stämmen angehörten, die einer turkischen, mongolischen oder, wie die Nenzen, einer samojedischen Gruppe oder den Keten, die einer finno-ugrischen Sprachfamilie zugeordnet werden, zugerechnet werden. Es dominierten die Turkisch Sprechenden in der Bevölkerung und absorbierten schliesslich eine Gemeinschaft mit den sich hier assimilierten Gruppen. Mit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts entstand ein ethnischer, sprachlicher "Cocktail" und entwickelte sich zu zwei grossen geographisch unabhängigen Gruppen in der Region. Dies umfasste im Norden die Tubular, die Kumandin, die Chelkan und die Shor, und im Süden die Altaikizhi mit den Telengiten. Die Teleut-Stämme, die den nördlichen Altai besiedelten, wurden von den Russen "Schwarz-Tataren" genannt. Sie waren Jäger und Sammler und lebten in dichten "dunklen" Wälder an der Grenze zur Oirot-Konföderation. Die südlichen Stämme wurden von den Russen als "Berg-Kalmücken" bezeichnet, die mehrheitlich Nomaden mit Viehherden waren und Alpwirtschaft betrieben. Sie hielten sich in den oberen Altaitälern auf und gehörten auch dieser Konföderation bis Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an. Es gab auch ein paar benachbarte Turkisch sprechende Gruppen, die mit den Altai-Stämmen, den Tuwinern und Chakassen, verwandt sind. Dennoch entwickelten diese als Nachbarn zu den Altaiern keine supratribale Identität. Es ist bemerkenswert, dass die Bewohner des nördlichen Altai Altaikizhi (= Berg-Altaier, Berg-Menschen) und die weiter südlich Siedelnden oft Oiroten (Oirotkizhi) genannt werden. Diese Unterjochung, Zerstörung und Wirren, die Altaiern bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch die Qing-Dynastie zugefügt wurden, wurden in Geschichten und Erzählungen mit Kehlkopfstimme in Begleitung der zweisaitigen Laute oral überliefert. Die Lieder handeln von Konflikten, Leiden, Verfolgungen von Schamanen, Kriegerhelden und Oirot-Häuptlingen. Es wird von vergangenen Zeiten, einer „goldenen Zeit“, berichtet, wo Menschen in Frieden, Freiheit und Wohlstand gelebt haben. Epische Erzählungen berichten von Führern wie Amyr-Sana, Shunu und Galdan-Tseren. Sie waren hervorragende Führer und wurden aufgrund ihrer Taten zu Legenden. Die Erzählungen beruhen auf historischen Ereignissen und Tatsachen. Heldentaten und Leiden der Stämme werden auf diese Weise lebendig gehalten. Die Westmongolen kennen auch Heldenerzählungen, die wie bei den Altaiern zum Mythos geworden sind. Historische Ereignisse wurden so bei diesen dem Untergang geweihten Völkern am Leben gehalten und bildeten deren Identitäten. Erzählungen, die solche Umbrüche schildern, berichten vom gesellschaftlichen Abstieg und Untergang einer einstigen Macht, der man nun nachtrauert. Als Russland sich die südlichen Altaistämme als Untertanen einverleibte, verbot man ihnen das Vortragen solcher Heldenlieder, auch schamanische Praktiken wie auch deren administratives System mit traditionellen Führern wurden verboten. Damit hat man ihnen eine ursprünglich auf Clanbildung mit Führer basierende Tradition mit mythologischen Erzählungen über Vorfahren zerstört. Im neunzehnten Jahrhundert war diese unter der Herrschaft der Russen endgültig zerfallen. Heute fehlen einer nomadisch begründeten Gemeinschaft die auf verschiedenen Clans basierenden Grundlagen; diese gerieten in Vergessenheit. Dennoch hielten einige ihre ideologischen Eigenheiten einer langjährigen Unterdrückung mit Wechselwirkungen stand, ebenso ihr Schamanismus. Der Einfluss des tibetischen Buddhismus (Lamaismus) hat seit 1616 in der Altaibevölkerung stark zugenommen und ursprüngliche Rituale neu interpretiert.

Lange Zeit wirkten epischen Erzählungen und Geschichten als spirituelle Kraft für die Identität. Vorab wurde diese "goldene Vergangenheit“ gelobt. Vorgetragene Folklore und Mythen mit der Sehnsucht nach einer "Vergangenheit" mit übermächtigen und mit besonderen Fähigkeiten und spirituellen Kräften ausgestatteten Vorfahren haben sich wiederum etabliert. Erzählungen über einst mächtige Stammesführer, die dem Volk Frieden und Freiheit brachten, wurden in der Neuzeit allmählich gelöscht. Somit beklagen sie heute nicht nur ihr „Leiden vor der Aufnahme ins russische Reich“, sondern auch ihre neue Unfreiheit und Unterdrückung, ihren semi-autonomen Status innerhalb der Russischen Föderation. Zur Wende des zwanzigsten Jahrhunderts hin erblühte von neuem ihre beinahe vergessene mythologisierte Welt, die Vergangenheit mit heldenhaften Führern in einer russischen Hegemonie (Unterdrückung) wird reaktiviert.

Im Gegensatz zum Schamanismus, der auf der spirituellen Unterstützung mit Hilfe von Geistern basiert, wird in der Altai-Folklore von Gottheiten oder semi-mythologischen Helden erzählt, die von einer Stammeszugehörigkeit unabhängig sind. Darüber hinaus nahmen, mit wenigen Ausnahmen, epische Vorstellungen nicht Einzug ins schamanische Pantheon. Epische Erzählungen und Lieder aus dem Altai befassen sich mit Taten von Helden, die mit mächtigen, übernatürlichen Kräften ausgestattet waren (wie z.B. Oirot-Khan, Amyr-Sana oder Shunu), mit Göttern (Uch-Kurbustan, Tengers, Erlik oder Burkhane), aber auch Kriegerhelden, die unter verschiedenen Namen wirkten. Diese Geschichten sind auch mit Hinweisen auf die Heimat durchsetzt. Sie erzählen von einem wunderbaren "goldenen Altai" mit dessen ewig weissem Sumer (Sumer = Spitzen).

Epische Erzählungen dauerten mehrere Tage an, mit Pausen, die in hellen Sommernächten, wenn Leute am Abend ihre Freizeit zusammen verbrachten, vorgetragen wurden, oder sie wurden anlässlich von rituellen Anlässen oder bei langen Ritten auf Pferden und vor einer Jagd vorgetragen. Geschichtenerzähler (Kaichi = Barden) rezitierten epische Geschichten mit Kehlkopfstimme in Begleitung der Laute. Sie waren den Schamanen gleichgestellt, obwohl ihnen solch rituelles, ideologisches oder medizinisches Wissen fehlte. Sie besetzten einen wichtigen Platz innerhalb einer damals gelebten Kultur und gehörten zu einer Reihe von besonders geachteten Menschen. Einige von ihnen standen der Geisterwelt sehr nahe, von welcher sie während ihrer Auftritte gefördert und inspiriert wurden. Bis zur Wende des zwanzigsten Jahrhunderts hat der Schamanismus als ideologische Macht seine Bedeutung gehabt, ebenso die Tradition des Geschichtenerzählens mit ihren Trägern, den Kaichi. Sie hatten ein Zentrum des spirituellen Lebens darstellt. Das Vortragen von "Epen" war wichtig zur Erhaltung ihrer spirituellen und ideologischen Kraft. Veröffentlichte Werke aus frühen Forschungen vor der Sowjetzeit weisen darauf hin, das neben dem "Schamanismus" das Erzählen von Geschichten ein wichtiges „Phänomen“ zur Erhaltung ihrer Identität darstellte - neben Heilung, Beschwörung von Geisterwelten, magischen Sitzungen und religiösen Praktiken, die nur von Spezialisten, wie auch Priestern, zelebriert wurden.

Dezember 2014 – © Albi - Revidiert von Hermelinde Steiner - April 2015

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