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Religion der Urvölker Sibiriens




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P & C December 1998
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Text in German

1.  Naturreligion
2.  Schamanismus
3. Tengerismus
4.  Seelenreise und Ekstase
5.  Rituale und Zeremonien
6.  Ritual- und Zeremonienplätze
7.  Mikrokosmos Jurte
8.  Der Schamane
9.  Volkssage und Mythos
10. Urvölker Sibiriens
11. Einfluss der Arier und Mithra Mythos


1. Naturreligion

Sie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von anderen Religionen. Ihre Anhänger glauben, von höheren, übermenschlichen Mächten abhängig zu sein und sich denen unterordnen und ihnen Opfer darbringen zu müssen. Der Begriff Naturreligion wird allgemein verwendet, um die Religion schriftloser Völker zu beschreiben.
Der Glaube ist an einfache Sozialstrukturen solcher Völker, Sippen oder Gemeinschaften gekoppelt. Ihr höchster Repräsentant ist häufig ein Stammesführer, kann aber auch ein Klan-Ältester sein, der die Priesterfunktionen ausübt. Geister sind Urahnen (Ahnenkult) oder die belebte Natur (Pflanzen, Tiere usw.) wie auch Naturphänomene (Sonne, Mond, Sterne, Feuer, Wasser usw.); Animismus. Ein Bestandteil vieler Naturreligionen ist auch eine Form von Hexerei, Zauberei und Magie, etwa zur Heilung von Krankheiten oder wenn man glaubt, ein Nachbar habe einen bösen Fluch auf die Familie ausgesprochen. Der Zugang zur Religion ist meist handlungsbezogen: man verehrt nur solche Kräfte, die helfen können und auch helfen wollen.
 
Die Vorstellung von einem obersten Gott (Himmelsgott) als Schöpfer des Universums findet man in vielen ihrer Erzählungen (Mythen und Epen) beschrieben; diese Gottheiten spielen darin auch in unterschiedlichen Kulturen eine bedeutende Rolle, so etwa "Die Erschaffung der Welt".
 
Der Begriff "Naturreligion" wird heute in der Ethnologie nicht mehr verwendet; stattdessen unterscheidet man zwischen Schamanismus, Animismus, Ahnenkult etc.


2. Schamanismus

Eine kulturelle Gemeinsamkeit haben diese Urvölker Sibiriens in ihrem ursprünglichen Verständnis der traditionellen Religion; im Glauben an eine beseelte Natur, also an die Existenz von Wesen in allen natürlichen Objekten mit ihren Kräften, in Himmels- und Erd-Wassergeister eingeteilt und einem obersten Himmelsgott (Tengri). Schamanen traten mit diesen in Kontakt, indem sie zu ihnen reisten, diese Seelen zu ihnen sandten oder ihnen Zutritt in den Körper gewährten. Dabei befanden sie sich in einem Zustand der Ekstase, die mit rituellem Tanz und Trommelschlägen visualisiert wurde, wobei dies ursprünglich mit berauschenden Kräutern unterstützt wurde, so z.B. Wachholder oder Fliegenpilz (in jüngster Zeit wird auch Alkohol verwendet).

Yer su (Gazriin Ezen) sind Erd-Wasser-Geister, die einen bestimmten Berg, See, Fluss, Felsen, Baum usw. bewohnen.
Tschotgors sind für physische und psychische Krankheiten verantwortlich.
Ozoors sind Suld-Seelen von Ahnen, die in der Natur leben.
Ongons (Totems) - Geister von Vorfahren, die nun in einem zugewiesenen Platz oder Haus leben. Sie können auch in aus Holz geschnitzten Figuren (Fetischen) oder eben in Schmuck (Amulette, Glücksbringer), einem sog. zugewiesenen Platz, Haus des Geistes, leben.
Burkhans sind sehr mächtige und gefährliche Geister, die schwer kontrollierbar sind.

Schamanen wurden innerhalb der Gemeinschaften oft wie „Heilige“ verehrt, nicht selten hatten sie einen grösseren Einfluss als der Stammesführer. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch ihr Wissen über Kräuter als Heilmittel und ihre Position als Bewahrer wichtiger Stammestraditionen. Die Kräutermedizin wurde aber mit dem Aufkommen der Medizin der buddhistischen Mönche wesentlich eingeschränkt. Ein Schamane hatte auch die Aufgabe, den Menschen den Berg (ihr Leben) überwinden zu helfen. Sie waren bestens vertraut im Umgang mit diesen Geisteswelten. Innerhalb der sozialen Gemeinschaft spielten sie verschiedene Rollen und genossen deren Respekt als Heiler von Krankheiten, Wahrsager und Meister im Zelebrieren von Ritualen. Sie blieben Bewahrer ihrer Kosmologie mit der Vorstellung der drei Welten, einer Ober-, einer Mittleren und einer Unterwelt, die durch den Weltenbaum in Gestalt einer Lärche und dem Weltenfluss verbunden waren. Die Krone des Baums war das Tor für ihre Reisen zu anderen Welten. Die Seelen der Gemeinschaften kamen bei der Geburt von der Oberwelt, dem Ort des Ursprungs, in die Mittlere Welt, das Diesseits. Die Unterwelt, schliesslich, war das Reich der Toten. Man glaubte auch an die Wiedergeburt von Seelen.
 
Die Menschen besitzen drei Seelen, wobei die Suld-Seele, wenn sie den Menschen verlässt, sein Ende bedeutet und in der Natur bleibt und die beiden anderen Seelen wandern und wiedergeboren werden. Die Ami-Seele verwandelt sich in einen Vogel und fliegt zum Weltenbaum. Die Suns-Seele benutzt den Wasserweg.
 
Die Kosmologie des mongolischen Schamanismus und ihre acht traditionellen Riten basieren auf der Ansicht, dass der Schamane, zusätzlich zur sichtbaren Welt, mit vielen anderen Welten oder dem Universum in Wechselwirkung steht, und dass die Kontaktaufnahme mit den Geistern einen wichtigen Teil der Arbeit der Schamanen ausmacht. Sie verehren den Ewigen Himmel (Munkh Tenger) und die Mutter Erde (Etugan), siehe nachfolgend, genauso wie ihre verstorbenen Ahnen und Naturgeister. Dies bedeutet, dass jeder Mensch für seine eigenen Handlungen verantwortlich ist, und dass Tenger alles sieht, was passiert, und dabei die Rolle des höchsten Richters und Lenkers des Schicksals einnimmt.
 
Der Schamanismus der Völker der Turk, Burjaten und der Mongolen ist im Wesentlichen ein und dasselbe. Himmel-Tenger (Himmelsgötter), Menschen, die Natur (Tiere und Pflanzen), Feuer und Wasser - das sind die Elemente unseres Lebens; und die Sonne und der Mond stehen für Tengers Augen. Inzwischen haben die Menschen verstanden, dass saubere Luft und reines Wasser die wichtigsten Dinge sind. Sie haben verstanden, dass es wichtig ist, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Tegsh bedeutet "im Gleichgewicht sein".
 
Nach vielen Jahren der Unterdrückung durch die Sowjets sind die Schamanen nun endlich frei, und seit 1990 haben sie ihre Kräfte wieder praktizieren können. Die Vereinigung der Mongolischen Schamanen spielt eine historisch gesehen wichtige Rolle, als sie sich für die Weiterführung dieser Traditionen anlässlich der jährlichen Feierlichkeiten zu Ulaan Tergel (Sonnenwende) einsetzt. 
 
Obwohl der Schamanismus heute eine Wiederbelebung erfährt, gibt es kaum noch echte Schamanen im ursprünglichen Sinne, aber einige Elemente des Schamanismus, wie etwa Opferriten, sind lebendig geblieben. Oft werden die zeremoniellen Handlungen aber auch nur zu touristischen Zwecken zur Schau getragen.

Schambala  (im tibetischen Buddhismus ist Paradies gemeint – auch Schangri-La) und Belowodie (die russischen mystischen Lehren von Nicholas Rerikh) haben nichts mit traditionellem sibirischen Schamanismus zu tun.
Das Golomt Center for Shamanic Studies und die Asian Shamans' Association sind in Sibirien seit kurzem wieder beliebter russischer Kult.


3. Tengerismus

Wie in den meisten vorzeitlichen Religionen gibt es auch im Tengerismus neben der realen irdischen Welt diese Oberwelt (Himmelsreich mit den Tengers - Himmelsgötter) und eine Unterwelt, die durch einen Nabel der Welt (Weltachse) miteinander verbunden sind. Im Tengerismus ist diese Nabelschnur der sogenannte Weltenbaum oder Weltenfluss. Tengerismus ist ein ursprünglicher alter Glaube der Turkvölker und Mongolen, wurde aber anfänglich unter dem Begriff Schamanismus beschrieben. Inzwischen wird der Begriff Schamanismus allerdings zur Beschreibung von anderen alten Glaubensvorstellungen und sogar für Naturreligionen von unterschiedlichsten Kulturkreisen rund um den Erdball verwendet.
 
Tengerismus war einst der Glaube aller Turk- und mongolischen Stämme in Sibirien und Zentralasien. Der Glaube baut sich vor allem um den Himmelsgott Tengri auf und setzt sich aus Animismus, Schamanismus, Ahnenverehrung und auch einer speziellen Form des Totemismus mit Einflüssen aus dem Verständnis des chinesischen Universismus zusammen. Die Menschen konnten direkt zu diesen Tengers oder Naturgeistern beten und brauchten dazu nicht unbedingt den Beistand eines Schamanen.
 
Die ältesten schriftlichen Nachweise über die Verehrung des Himmelsgottes Tengri findet man in alten chinesischen Schriften, die sich nicht nur mit den Chinesen selbst, sondern auch mit den benachbarten und verfeindeten Völkern beschäftigten. Daraus ist zu entnehmen, dass die Hsiung-nu schon im 4. Jahrhundert v. Chr. Tengri verehrten (Tengri; Blauer Vater-Himmel, höchster Himmelsgott). Sie glaubten, dass das Blut ihrer Herrscher vom Gott Tengri geadelt ist. Laut einer Legende gilt die heilige Wölfin Asena als Ahnin. Man findet auch zahlreiche alttürkische Inschriften auf den Steintafeln in den Steppen aus dem 6. Jahrhundert, sie bilden Zeugnisse davon, was die alten Türken damals glaubten. Die Göktürken, die erste türkische Horde, hat der Nachwelt zahlreiche schriftlich Nachweise hinterlassen, so nämlich Hinweise auf ihre Kultur, ihren Glauben und ihre Politik. Aus diesen mit Orchon-Runen beschriebenen Kül-Tegin-Stelen (7. Jahrhundert) geht das tengrische Glaubensbekenntnis hervor. Auch findet man Hinweise in Schriften der Perser und Araber. Die Jakuten bezeichnen Tengerismus als Ayy.

Animismus (von lat. Anima = Seele, Atem) bezeichnet allgemein schriftlose, in Reinform ausschliesslich bei Jäger-Sammler-Kulturen verbreitete Religionen gleichermassen als Urreligion. Der Animismus geht von der Annahme der allgemeinen Belebtheit der Natur aus, von der Vorstellung der Personifizierung und Beseelung aller Erscheinungen in der Natur.
Zwei Dinge ergeben sich aus dem Animismus: einerseits Totemismus (Ahnenverehrung) und andererseits der Einsatz helfender Geister (Geisterbeistand).
Totemismus ist eine Geisteshaltung, bei der Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen (Clan, Sippe) dauernde Beziehungen zu Tieren, Gegenständen und Erscheinungen (den Totems) unterhalten, denen sie sich gefühlsmässig oder in einem mystischen oder verwandtschaftlichen Sinne (Abstammung) verbunden glauben. Häufig ist das Totem ein Tier, ebenso kommen aber auch Pflanzen, Felsen oder Berge in Frage. Die Glaubensgemeinschaften sind überzeugt, dass ihr mythischer Urahn oder Schöpfer von dem Totem verkörpert werde. Das Totem ist nämlich mit Tabus belegt, vor allem dem Verbot, es/ihn/sie zu verzehren - sich seinem Willen zu widersetzen. Grundlagen stammen aus einem Vorstellungsbereich, der den Jäger- und Sammlervölkern wie auch den Nomaden besonders nahe lag und in Beziehung zu einer animistischen Weltansicht steht. Somit ergibt sich die Vorstellung, dass den Dingen und Phänomenen (Totems) Seelen mit menschenähnlichen Wünschen und Verhaltensweisen innewohnen. Sie erscheinen dabei als beseelte und mit Kräften ausgestattete Wesen, denen auch die Macht zu eigen sein soll, Verstösse gegen Tabus zu bestrafen (z.B. ausbleibende Jagderfolge). Sie können mit Hilfe von Magie besänftigt werden, indem man ihnen Opfer darbringt.
Totem bedeutet auch "Verwandtschaft, Familienabzeichen oder auch persönlicher Schutzgeist". Bei den Turkvölkern ist das wichtigste Totem der Wolf, ihr Urahne (in ihren Schöpfergeschichten wird davon erzählt, dass sie vom Wolf gezeugt wurden).

Im Tengerismus besteht der Sinn des Lebens für einen Menschen darin, mit allem, was unter dem Himmel ist, also mit seiner Umwelt, im Einklang zu leben. Der Mensch steht in der Mitte der Welten und sieht seine Existenz zwischen dem ewigen Blauen Vater-Himmel, der Mutter-Erde, die ihn stützt und ernährt, und dem Schöpfer Herrscher, der Sohn des Himmels. Mit einer ausgeglichenen Lebensweise hält der Mensch seine Welt im Gleichgewicht und strahlt seine persönliche Kraft „Windpferd“ nach aussen. Der Kosmos, die Naturgeister und die Ahnen sorgen dafür, dass es den Menschen an nichts fehlt, und beschützen sie. Wenn das Gleichgewicht durch den Eingriff böser Geister ausser Kontrolle gerät (wie Krankheit, Naturkatastrophe etc.), wird es durch den Eingriff eines Schamanen wieder hergestellt.

Windpferd = Seele - Die persönliche, geistige Kraft eines Menschen wird als Windpferd bezeichnet, welches sich in der Brust befindet. Diese wird durch gehäufte spirituelle Verdienste und ein im Gleichgewicht geführtes Leben noch gesteigert. Es ist die Fähigkeit, die Kräfte, die das spirituelle Selbst ganz natürlich besitzt, ohne durch die Einschränkungen, die durch den physischen Körper gegeben sind, zu gebrauchen.


4. Seelenreisen und Ekstase

Allgemein war diese Tradition im Glauben an eine Diesseitigkeit und Jenseitigkeit gebunden. Seelen werden als Gastvorstellungen im körperlichen Erdendasein verstanden, die anschliessend in ihre Heimat zurückkehren. Diese Vorstellung der ontologischen Teilung der Welt in eine Geisteswelt und Erdenwelt (knochenhaftes Dasein) wurde von sibirischen wie auch von iranischen und indischen Völkern gleichermassen verstanden, die einen Kult praktizierten, in welchem die Körper nach dem Tod in der Form von Leichenaussetzung zum Geierfrass wurden. Dieser Kult wird heute noch bei den Parsen in Indien als Bestattungsform zelebriert.
 
Dieser Totenkult und die Krankenheilung waren im Glauben des Schamanismus ein Charakteristikum. Die Annahme eines Jenseits gegenüber der physikalischen Welt mit einer vom Körper löslöslichen Eigenständigkeit (Seele mit Wiedergeburt) prägte ihr Denken. Bei Kranken galt es für den Schamanen, dessen entlaufene oder in die Gewalt von Geistern geratene Seele aufzuspüren und heimzuführen: Bei Besessenheit von bösen Geistern im Körper eines Kranken war eine Vertreibung derselben vorzunehmen, oft mittels Herbeirufung von Hilfsgeistern zur Assistenz bei exorzistischen Zeremonien. Rituale und auch Jagdzauber sollten verletzte Seelen von Tieren versöhnen.
 
Diese öffentlich vorgeführten Zeremonien zu konstatieren verlangte eine meisterliche Instrumentalbeherrschung und war Voraussetzung der in Trance von Akteuren mit Zuschauern durchgeführten Akrobatik. Wer nicht Aussergewöhnliches vollbrachte, wurde von den Leuten seines Dorfes nicht anerkannt. Immer geht es darum, sich selbst so sehr der Verletzung und dem Tod auszusetzen, dass man dabei quasi die Todesgrenze nicht wirklich überschreitet - war dies der heimliche Sinn dieser Ekstasetechniken? Die Ekstasen, in denen der Schamane seinen Körper verlässt, um in der Umgebung umherirrende Geister aufzuspüren oder in der Unterwelt nach den Seele von Schwerkranken zu fahnden, verlangten eine völlige Diastase zum eigenen Körper; diese wird quasi öffentlich demonstriert, um die innere Fähigkeit der Seelensuche und der transsomatischen Reise glaubhaft zu machen.
 
Befindet sich der Schamane in Ekstase, so kann die Seele den Körper verlassen, und die Schamanen schicken diese Seele in die Welt der Geister und Götter, in die anderen Welten: diese Art der Seele vollbringt den sogenannten Seelenflug oder Seelenritt.
 
Die zoomorphische Verwandlung des Schamanen in das Tier ist mit seinem Hilfsgeist oder Schutzgeist verbunden. In den meisten Fällen erfolgt die Imitation von Tieren in der Form eines Tanzes, so etwa als Bär, Elch, Robbe, Wolf, Hase, Reh etc. Im Fall des imitierenden Ritualtanzes gibt es die Verwandlung in zoomorphische Geister, in die sich der Schamane während seiner Reise selbst verwandelt. Der rituelle Tanz dient dazu, dem Schamanen dabei zu helfen, in Ekstase zu geraten. Die Schamanen erschaffen alle Melodien, die während eines Bannes gesungen werden, selbst. Bei manchen Völkern dienen die Geräuschimitationen als Rufsignale - die von verschiedenen Tieren oder Vögeln ausgestossenen Geräusche können mithilfe unterschiedlicher Pfeiftechniken imitiert werden. Textformen von Sprechhandlungen gibt es nicht wirklich, und sie verlieren ausserhalb des rituellen Kontextes auch gleich ihre Bedeutung. Sie werden nicht nur durch den Text, der - abgesehen von einigen Phrasen - meistens improvisiert ist, sondern vielmehr dadurch, dass sie gesprochen werden, d.h. durch den Akt selbst, für gültig erklärt. Nach der zeremoniellen Handlung muss der Schamane alle Geister zusammenbringen.


5. Rituale und Zeremonien

Zum sibirischen Schamanismus gehören darüber hinaus der Totenkult, die Verehrung von Vorfahren und Bergen sowie Rituale von Tieropfern. Schlussfolgernd könnte man wohl sagen, dass der tiefste Sinn oder die tiefste Botschaft des sibirischen Animismus wohl darin liegt, den Menschen und die Natur ins Gleichgewicht zu bringen.
 
Jedes Ritual begann mit Ehrerbietung; wenn ein besonderes Getränk getrunken werden sollte, goss man zuerst ein Teil zur Überreichung an Vater Tenger, Mutter Erde (Yer – Gazar Eej) und die Ahnen beiseite. Frauen opferten regelmässig Kumys oder Tee, indem sie mit dem Getränk um das Zelt gingen und es dabei dreimal in alle vier Himmelsrichtungen verteilten. Opferungen für Berggeister, Hilferufe um Beistand in der Not oder religiöse Feiern wurden an verschiedenen Orten abgehalten und durften ohne Hilfe von Schamanen durchgeführt werden. 
- Weisses Mondfest
Bei den Mongolen und Burjaten wurde es zur Tradition, das Weisse Mondfest zwei Mondmonate nach dem der Wintersonnenwende gefolgten Neumond zu feiern. Das Jahr Sagaalgan, das auch als Tsagaan Sar bekannt ist, beginnt mit dem weissen Mondfest (beim nächsten Neumond nach dem 21. Dezember), am 27. Februar. Das ist gleichzeitig der Beginn des Frühlings in ihrer Heimat. Dieses Datum hat aber auch aus schamanistischer Sicht grosse Bedeutung - dies ist der Tag, an dem alle Geister in die Obere Welt wandern.
Beim weissen Mondfest werden 14 Weihrauchstäbchen angezündet, davon sieben für den Mann mit den sieben Tränen (Grosser Bär) und sieben für die Plejaden (Wintersterne).
Ein weiteres Sonnwendfest findet statt, wenn Tag und Nacht gleich lang sind; es handelt sich dabei um das Rote Sonnenfest, das am auf den 21. Juni folgenden Vollmond stattfindet.
Feierlichkeiten können aber auch in Zusammenhang mit anderen Ritualen stattfinden. So sind Tage, an denen der Mond die Plejaden verdeckt, gute Tage, um die Geister der sieben Sterne des Grossen Bärens zu ehren.
- Plejaden - (Wintersterne - alttürk. Ülker) - im Oktober gehen die Wintersterne auf und kündigen die dunkle Jahreszeit an. Sie wurden als der Wohnort von sehr mächtigen Himmelsgeistern angesehen. Die Plejaden: Mushin nehmen in der Burjat-mongolischen Kosmologie eine wichtige Stelle ein. Schon sehr früh glaubte man, dass die Tenger der westlichen Himmelsrichtung die Plejaden treffen, um sich mit ihnen darüber auszutauschen, wie man den Menschen im Kampf gegen Krankheit und Tod unterstützen kann. Während dieses Treffens erschufen sie den Adler, den ersten Schamanen.
Die Plejaden, Mushin spielen im epischen Geser ebenfalls eine wichtige Rolle.
- Big Dipper – Grosser Bär – die sieben hellsten Sterne - den 7 Ubgen - Doloon Uvged wird ebenfalls anlässlich des Weissen Mondfestes gehuldigt.
- Altan Hadaas – Polarstern
Man glaubte, dass der Himmel am Polarstern befestigt ist und sich um diesen Stern dreht.

Die sibirischen Turk-Völker hielten jeden Monat an Neumond das verpflichtende Familienfeiertag-"Feuerfest" ab. Es war ein absolutes Tabu, das Feuer mit scharfen Metallgegenständen zu verletzen oder Abfall auf das Feuer zu geben.

Rituale, Zeremonien und Opfer im Jahreslauf:

Frühling-, Sommer und Herbstfest, Tierkult, Begräbnisfeierlichkeiten, Schlachtrituale sind Opfergaben, um gewisse Regeln und Tabus zu bedingen, Rituale für Wassergeister (los) – Rituale zum Regenmachen - Rituale an owoo – Feuerrituale - Opferungen für Wahrsagungen, Opfergaben für die Geister.
Solche Feierlichkeiten waren mit Essen, Trinken und auch dem Rezitieren von Epen verbunden.
Die am regelmässigsten durchgeführten Opferungen sind die Herbstschlachtung oder die Winterschlachtung, die Jagdzeremonie (Geweih - Jagdhorn); diese Zeremonien stehen mit dem Töten von Tieren (sehr strenge Regeln und Verbote – kein Blut darf die Erde berühren, keine Knochen dürfen gebrochen werden – die Zuld darf nicht getrennt werden*) in Zusammenhang, Opferungen für Neumond.
*Zuld – Kopf, Halsstück, Lunge und Herz, die in ihrer Gesamtheit als Zuld bezeichnet werden, bieten Ami (Körperseele) eine Heimat.  Wird ein Tier als Opfer getötet, so werden die Haut und die Zuld auf zum Himmel weisenden Stäben aufgehängt.

Abgesehen von diesen jahreszeitlich bedingten Feierlichkeiten gibt es auch eine Erntedank-Zeremonie, die jede Familie ein oder zwei Mal pro Jahr zu verschiedenen Anlässen durchführen muss.

- Zeremonien der nördlichen Stämme der Tschuktschen, Kamtschadalen oder asiatischen Eskimos und Jakuten. Blutige und auch unblutige Opfer werden während dieser zeremoniellen Handlungen angeboten. Ihre dem Wohl der Gemeinschaft dienende Leistung und Zauberformeln sind die Hauptbestandteile ihrer Riten. Sie opfern der See, um während des späteren Segelns auf dem vereisten Meer im Winter Glück zu haben. Zu Beginn des Frühlings folgt die Zeremonie der Boote,
- Zeremonie der Schifffahrt - Korjaken; Walfest, wobei das Fellboot für den Winter verstaut wird, das Fellboot in See sticht und die Tänzer Masken tragen.
- Rentier - Korjaken; Zeremonie anlässlich der Rückkehr der Herde von den Sommerweiden, das Fest des Rehkalbes.
- Zeremonien, die sowohl den Korjaken als auch den Jakuten (Sakha) gemein sind: Bär-Fest, Wolf-Fest, Übungen in Zusammenhang mit der Fuchsjagd

Korjaken  - leben auf der Halbinsel Kamtschatka im äussersten Osten Russlands. Es gibt sowohl nomadische, Rentier züchtende Gruppen als auch sesshafte, die von der Jagd und vom Walfang leben.
Itelmenen, Tschuktschen und Ewenken sind auch indigene Völker und leben in dieser Region.
Jakuten (Sakha), die ursprünglich vom Fluss Orchon und der Region Baikalsee in die Ebenen der Mittleren Lena und der Flüsse Aldan und Wilyuy einwanderten und sich mit anderen dort einheimischen Völkern wie den Ewenen und den Ewenken vermischten.
- Die Jakuten im Norden sind Halbnomaden, Jäger, Fischer und Rentierzüchter.
- Die Gruppe im Süden züchtete Rinder und Pferde. Beide Gruppen leben in Jurten.


6. Ritual- und Zeremonienplätze

In diesen ganz bestimmten Welten (Ober, Untere und Mittlere Welt; im Diesseits) gibt es  Seelen von Menschen, Geister und Himmelsgötter. Die Gemeinschaft und die Schamanen vollbringen Zeremonien und Opferungen für diese. Es gibt Geister, die Berge, Seen, Gegenden etc. besitzen (sie sind die Bewohner der Gegend), wo sie Zeremonien für diese vorbereiten und für diese beten. Schutz- und Hilfsgeister werden von den Schamanen für ihre Reisen, Flüge oder Ritte zu anderen Orten oder in die Obere und die Untere Welt benützt. Böse Geister (Burkhans oder Monster) sind sehr gefährlich, weshalb sich nur mächtige Schamanen an sie heranwagen und dabei die Führung eines mächtigen Hilfsgeistes annehmen. Jeder Clan und jede Familie besitzt ihre eigenen Geister oder Gottheiten, die sie ehren und anbeten. 
Gottheiten und Geister werden etwa in Fetischen (Ongons – Geisthäuser - Totems) aus Holz, Metall oder Knochen verbildlicht und können auch als Kinderspielzeug genutzt werden. Menschen und Schamanen tragen viele dieser Fetische als Anhänger (Amulette - Glücksbringer). Sie bringen ihrem Besitzer Glück, Schutz, Wohlstand und Gesundheit.
 
 - Daban-Sagan-Noyon, der Besitzer der gesamten Erde wird als alter Mann mit grauem Haar dargestellt. Seine Heerscharen spielen für die Feierlichkeiten eine wichtige Rolle.

- Gebets- und Ehrerbietungszeremonien werden in Orten wie dem Weltenbaum, Serge oder Barisaa arrangiert. Bäume, die an ungewöhnlichen Orten wachsen, sind besonders mächtig, so z.B. die einsame Birke, der "Schamanenbaum"; die Heimat der Hilfsgeister der Schamanen (Ongons). Bäume symbolisieren die Mittlere Welt, wo sich der Himmel und die Erde für die Gebete berühren und das Heim der Geister symbolisieren. Toroo - die Krone des Weltenbaums, die für gewöhnlich als Birke oder Weide oder als offener Ring der Jurte / des Ger versinnbildlicht wird, ist für den Schamanen das Tor auf seiner Reise zur anderen Welt.
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Barisaa Der Gebetsbaum, ist ein wichtiger Ort des Gebets in Sibirien und in der Mongolei -  ein Barisaa, ein Schamanenschrein bei einem Baum, ist das Heim für die Naturgeister; ein geheiligter Baum, der den Berührungspunkt zwischen spiritueller und physischer Welt darstellt. Es handelt sich um eine Art Verschmelzungspunkt aller Welten, Zeiten und Möglichkeiten. Aus diesem Grund ist ein Gebet, das mit ehrlicher Absicht und einer kleinen Gabe oder einem Band geäussert wird, wohl am wirkungsvollsten.
Buyan Der Akt des Gebens und Schenkens erzeugt Buyanhishig (Macht) und stärkt das Windpferd (Seele) einer Person. Spirituelle Verdienste stärken die ihm eigene spirituelle Kraft eines Menschen und neutralisieren schlechtes Karma. Buyanhishig kann auch durch selbstlose Handlungen, die von Grosszügigkeit und Güte geprägt sind, angehäuft werden und dient dazu, dort, wo etwas schief gelaufen ist, das Gleichgewicht wieder herzustellen.  Je nach Verhalten eines Menschen mehrt und reduziert sich der Buyan (persönliche psychische Kraft). Durch Nichtbeachtung von Tabus, durch Respektlosigkeit den Ahnen gegenüber oder durch das sinnlose Töten von Tieren werden die Naturgeister erzürnt und der Buyan (Kraft) schwächt sich ab.
Arschaan Energieangereichertes Wasser (medizinisches Wasser) mit magischen Kräften, die von den Geistern gegeben wurden. Trinkt man Arschaan Wasser, so leitet dies Energie in den Körper - es ist gut für die Gesundheit (Heute trinkt man halt leider auch Wodka!).
Hurai Ein Zauberwort, das - wenn begleitet von den kreisförmigen Bewegungen (Yohor-Tanz) der Hände ausgesprochen - Energie vom Vater Himmel oder von anderen Geistern anzieht.
Suld Eine der drei Seelen des Menschen; diese ist eine Seele ohne Reinkarnation, die nach dem Tod als Naturgeist auf der Erde zurückbleibt
Ariulga diese Zeremonie dient dazu, sich von allen bösen und schlechten Einflüssen zu reinigen, wobei die Hilfe der Naturgeister der Gemeinschaft, in welcher dieses Ritual ausgeführt wird, angenommen wird.


7. Mikrokosmos Jurte – siehe Jurte - Ger - Tschum - Sommerhus


8. Der Schamane

Schamanen sind in der Regel normale Menschen, in deren Familie aber schon Mitglieder zu Schamanen wurden. Auserwählte fallen irgendwann in eine Bewusstlosigkeit, eine sog. Katalepsie, in der sie die Vision bekommen, Schamane zu werden. Viele Geschichten erzählen von solchen Ereignissen. Nach dem Tod werden die Schamanen zu Geistern mit Zauberkräften (Utha) und treten in den Dienst neuer Schamanen und begleiten diese.

Aufgaben der Schamanen:
- Rituale und Zeremonien begleiten - sie kennen den Willen der Himmelsgötter (Tengers, Burkhans oder andere Geister) und führen die Menschen dahin, was sie zu opfern haben und welche Zeremonien abzuhalten sind; sie sind Experten in der Organisation von Zeremonien und Gebeten. Abgesehen von den Zeremonien in der Gemeinschaft, bei welchen sie als offizielle Würdenträger (Repräsentanten) agieren, leiten sie auch noch verschiedene private Zeremonien.
- Krankheiten heilen - der Schamane führt gewisse Zeremonien aus, um den bösen Geist aus dem Patienten zu vertreiben oder die verlorene Seele zurückzubringen.
- Wahrsagen - er sagt die Zukunft voraus, wofür er entweder das Schulterblatt eines Schafes oder den Pfeilflug verwendet.

Familienschamanismus steht nur mit dem häuslichen Heim und Herd, deren Wohlergehen unter seiner Aufsicht liegt, in Zusammenhang. Dem Familienschamanen obliegt die Ausführung der Familienfeierlichkeiten, Riten und Opferzeremonien sowie auch der Einsatz von Familienglücksbringern und -amuletten und von ihren Beschwörungen. In den Familienzeremonien teilt sich die Mutter mit dem Vater die Schamanenrolle; sie ist für die Trommel und die Amulette verantwortlich, und in Ausnahmefällen ist es auch sie, und nicht der Vater, die das Familienopfer darbringt.
 
Wenn Schamanen mit den Geistern kommunizieren, verwenden sie eine ganz spezielle Kleidung (Mantel, Maske, Kappe) und besondere Accessoires; Spiegel, "Totems - Geisterhäuser" (in Kupfer oder Eisen, mit Ornamenten versehen). Die Trommel besitzt die Macht, den Schamanen in die andere Welt zu transportieren und durch ihren Klang Geister anzurufen. Der Schamane verwendet zwei weitere Musikinstrumente, ein Saiteninstrument (Begleitung zur rezitieren von Heldenepen) und eine Maultrommel. Früher war es der Schmied, der dazu auserlesen war, Kostüme und Ritualutensilien herzustellen. Heute werden diese selber hergestellt, jedoch nicht ohne Erlaubnis der Mächtigen. Der Mantel der Schamanen unterscheidet sich je nach Stamm oder Clan, wobei es schwierig ist festzustellen, ob eine klare Trennlinie zwischen schwarzen und weissen Schamanenbekleidungen geführt werden kann.

Manyak – Schamanengewänder werden aus Fellen von besonderen Tieren hergestellt und mit Knochen und Federn bestückt, die ihre besondere Bedeutung haben.
 
Gebete und Bittgebete sind besondere Formen von Sprechhandlungen, die nicht existieren und ausserhalb des rituellen Kontextes ihre Bedeutung verlieren. Sie werden meistens improvisiert, sie erhalten ihre Bedeutung, indem sie einfach gesprochen werden, durch den Akt selbst.
 
Bei den Mongolen, Burjaten, Jakuten, Altai-Stämmen, Torguten, Kidanen und Kirgisen gibt es eine allgemeine Bezeichnung für eine Schamanin, die in jedem Stamm ein wenig unterschiedlich ist: "utagan, udagan, udaghan, ubakhan, utygan, utiugun, iduan (iduana)"; die Bezeichnung für den männlichen Schamanen hingegen ist bei jedem dieser Stämme anders. Bei den Jakuten wird er oïun genannt, bei den Mongolen buge; bei den Burjaten buge und bö; bei den Tungusen (Ewenks) samman und hamman; bei den Tartaren kam; bei den Altaiern kam and gam; bei den Kirgisen baksa (basky); bei den Samojeden, Nenzen, Nganasanen, tadibey. Bei den Mandschu-Völkern wird die Trommel tunkun genannt; bei den Mongolen düngür; bei den Altaiern tüngur; bei den Uriankhai donkür; bei den Schor und Chakassen tüngur; bei den Jakuten gibt es zwei Bezeichnungen: tünür and donkür; bei den Kirgisen lautet der Name kobuz.

Schamanentrommel – In der Sage wird erzählt, dass Erlik Khan, Sohn des Himmelgottes, die erste Schamanentrommel gebaut und erste Rituale vollzogen hat.

Bei verschiedenen Stämmen gibt es Traditionen, in denen die Gabe des Schamanismus zuerst einer Frau übertragen wird. In den mongolischen Mythen und Legenden waren die Götter beides: Schamanen selbst - wie z.B. die Tochter des Mondes - und die, die den Menschen die Gabe des Schamanismus gegeben haben.
 
Es gab sogenannte weisse und schwarze Schamanen, die unterschiedliche Heilkräfte hatten. Weisse und scharze Schamanen können Frauen und Männer sein. Heutzutage gibt es mehr weibliche als männliche Schamanen, was von Stamm zu Stamm unterschiedlich ist. Bei einigen Stämmen durften Frauen keine Schamanen werden, da sie allgemein während der Menstruation als unrein galten.


9. Volkssage und Mythos

Das "Zeitalter der Götter" erscheint in den Mythen als verhältnismässig klar abgegrenzte Zeitspanne zwischen der Entstehung der Welt und dem Beginn der Menschheit.
 
"Reisebeschreibungen" von Schamanen umfassen oftmals Motive aus Ursprungslegenden wie auch aus Glaubenssagen. Die Tatsache, dass es für einen Schamanen notwendig ist, sich in der Schamanenwelt umherzubewegen und mit den Geistern zu kommunizieren, wird in gewissen Fähigkeiten oder Talenten zum Ausdruck gebracht, die Tieren, Vögeln, Fischen oder übernatürlichen Wesen zugeschrieben werden und in den Sagen charakterisiert sind. Die mündliche Überlieferung als auch ein Grossteil der Erzählungen, die Einfluss auf den Glauben nehmen, können als Sagen klassifiziert werden - mythische Zeit der Schöpfungsgeschichten. Die Übernatürlichkeit findet sich noch immer in der durch mündliche Überlieferung ausgebildeten Form manifestiert.
 
Raben-Schöpfungsgeschichte, Schöpfer Ulgen, Böser Gott Erlik Khan, Kaira Khan, Schöpfer Ak Toyun, Geser Epos, Schöpfer Kors-Torum – Böser Gott Yanykh-Torum etc.
 
Wenn wir von der Grenzlinie zwischen Sagen und Erinnerungen sprechen, müssen wir definitiv festhalten, dass nicht ganz klar ist, wann eine Erinnerung sich zu einer Sage entwickeln könnte.
 
Dies gilt insbesondere für Sibirien, wo die alten Glaubensrichtungen und die Mythologie, die Heldenepen sowie die Tradition der Erzählkunst die Identität der ethnischen Minderheiten am Leben erhielten. Dies bedeutet, dass der Schamanismus zu den Elementen traditioneller Kultur gehörte, die es auszurotten galt - Zauberkraft.
 
Verschiedene Glaubensrichtungen der sibirischen Stämme können anhand ihrer Mythologie und ihrer Rituale beobachtet werden. Nicht nur in der Mongolei sondern im gesamten Norden und in einem Teil Zentralasiens kann man sehen, wie auf diese Weise die äussere Welt, die Natur, und die innere Welt, die Seele, beobachtet wird (Animismus). Nach dem Aufkommen des Buddhismus nannten die Mongolen ihre alte Religion "Den Schwarzen Glauben" (Khara Shadjin) und den Buddhismus "Den Gelben Glauben" (Shira Shadijin). Schamanen und Schamaninnen sind praktisch auf Zeremonien innerhalb der Familie limitiert, während Zeremonien innerhalb der Gemeinschaften von Spezialisten und Professionalisten ausgeführt werden, die Repräsentanten wie etwa Priester (mächtig) sind. 


10. Urvölker Sibiriens
 
Ural-Gruppe – Ugren (Chanten, Mansi), Samojeden (Nenzen, Enzen, Nganasanen) und Jukagiren
Altai-Gruppe – Turk (Jakuten, Tuviner, Khakasier, Altaier, Uiguren), Mongolen und Tungusen (Ewenken)
Paläosibirische Gruppe (Ainu, Korjaken, Itelmenen, Tschuktschen)

- map sketch Indigenous People of Siberia

Ainu Märchen über Haadas (Polarstern) sind unter dem Namen Pokna Mushiri bekannt. Sie waren vor allem bei den sibirischen Stämmen beliebt. Diese glauben, dass das Vorhandensein eines matriarchalischen Systems wahrscheinlich wahr ist. Die Japaner sehen in den Ainu ihre Vorfahren.
Ainu (Mensch) selber nennen sich auch die Utari (Kamerad). Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet war Hokkaidö (alter Name: Ezo), heute Süd-Sachalin, und die Kurilen-Inseln. Ihre traditionelle Lebensweise basierte darauf, dass die Männer Jagd und Fischfang und deren Rituale ausübten, während die Frauen Bäuerinnen und Sammlerinnen aber auch Schamaninnen (Ahnenbeschwörerinnen, Heilerinnen und Erzählerinnen von Mythen und Epen mit Tanz) waren. Das Bär-Fest war eine typische Zeremonie der Ainu.  
 
- Altaier Schamanen (kams) von den Turk-Stämmen im südlichen Teil des Altai-Gebirgszuges haben ihre sehr alten Schamanenzeremonien in deren Form mit grosser Strenge erhalten. 
Im Süden Sibiriens siedelten auch die Altai Völker, der turkische Zweig der Oiraten, zu denen auch die Teleuten und Telengiten gehören; dabei handelt es sich um das Gebiet der heutigen Republik Altai in Russland; dort glaubt man, dass jeder Berg, jeder See und jeder Fluss seinen eigenen Geistbesitzer (Natur-Animismus) hat. Die Menschen errichteten einen Owoo (Steinschrein) und ordneten die Opfergegenstände in der Nähe von Quellen oder besonderen Bäumen an. Der Kult der Quellen und die Verwendung von Arschaan (Energiewasser) für jegliche Feierlichkeiten, insbesondere dabei medizinische Quellen, waren mit dem Kult der Bäume, die um die Quellen herum wachsen, eng verwurzelt.
 
- Burjaten – das Naturverständnis der am Baikalsee lebenden Burjaten liegt im Schamanismus. Mensch und Natur waren für sie stets eine Einheit. Natur ist nicht nur Dach und Haus des Menschen und Grundlage seines Wohlergehens sondern auch Ausgangspunkt seiner ethischen und moralischen Überzeugungen. Der Baikal war für die Burjaten ein lebendiges, heiliges Wesen, das mit dem Kosmos in Berührung stand, und alles, was man den Baikal antat, das tat man gewissermassen dem gesamten Kosmos an. Niemand hätte gewagt, an heiligen Schamanenplätzen zu jagen, was heute ein Grund dafür ist, weshalb heute noch viele Tier- und Pflanzenarten hier zu bewundern sind. Auch der vorsichtige Umgang mit Wald und Boden war sehr ausgeprägt. So stand "das Aufgraben der Erde und anderer Naturfrevel" laut einer Gesetzessammlung von Dschingis Khan unter Todesstrafe. Selbst in der Form ihrer Schuhe zeigt sich die Naturverehrung dieser Burjaten und auch Mongolen: die Stiefelspitzen zeigen nach oben, um die Erde nicht zu verletzen.
 
Eweken (alte Bezeichnung Tungusen) sind ein aus zahlreichen regionalen Gruppen und Clans bestehendes indigenes Volk. Sie leben über ein weites Gebiet verstreut in der Mehrheit im heutigen Sibirien (Russland). Es gibt solche Rentier-Eweken auch in der Mongolei und in China. Sie sprechen eine mandschu-tungusische Sprache.
Eweken gehören zur Baikal- oder paläosibirischen Gruppe des mongolischen Typs, die sich aus dem alten Volk der Paläosibirer vom Jenissei-Fluss hinauf bis zum See Okhotsk entwickelt haben.
 
- Finno-ugrische Völker leben östlich des Urals, am Unterlauf der Ob in Russland. Der Schamanismus war dort nie so stark ausgeprägt wie bei den Turk sprechenden Völkern im südlichen Teil Sibiriens. Das Heidentum hat dort bis zum heutigen Tag in der traditionellen Heilkunst mithilfe von Zauberwasser (medizinisches Wasser) überlebt.

Chanten (Khanty) (alte Bezeichnung Votyak, Ostyak) sprechen eine zum finno-ugrischen Zweig der uralischen Sprache gehörende ugrische Sprache. Gemeinsam mit den Mansi werden sie als die Ob-Ugrier bezeichnet und sind mit den Ungarn verwandt. Sie waren ursprünglich Pferdezüchter am oberen Irtysch und kamen im 11. Jahrhundert in diese Region und wurden dort zu Jägern und Rentierzüchtern.
Mansi (hist. Bezeichnung Wogulen) betreiben Jagd, Fischfang und Rentierzucht und gehören wie die Chanten zur ugrischen Sprachgruppe

Schon seit frühester Zeit an war der nördliche Teil von finno-ugrisch sprechenden Nomaden der Chanten und Mansi bevölkert. Im 11. Jahrhundert trafen Forscher und Abenteurer aus Nowgorod auf diese Einheimischen und forderten Tribut in der Form von Pelzen von  Rentieren und sonst wild lebenden Tieren ein. Das Gebiet war Teil des Khanats von Sibir und wurde im 16. Jahrhundert von russischen Fürsten in das Russische Reich eingegliedert. In diesem Gebiet findet man sumpfige Tiefebenen mit grossen Öl- und Erdgasvorkommen sowie Nadelwald-Taiga. Der Mittelverlauf des Ob-Flusses durchquert das Gebiet. Die Industrie umfasst Öl- und Erdgasgewinnung, Holzfällung, Fischfang, Pelzjagd und -zucht, Rentierzucht sowie den Anbau von Korn und Kartoffeln.
 
Lieder der Samojeden (Nganasanen und Nenzen) oder Mansen (Finno-Ugrische Gruppe) wurden erst Mitte des 19. Jahrhunderts als Trinklieder gesammelt. Diese haben Ähnlichkeit mit den Indianern Nordamerikas und den in Alaska lebenden Inuit. Man nimmt an, dass die letzten Wanderungen nach Amerika nicht später als 8000 v.Chr. stattfanden.
Wiegenlieder (Schlaflieder), Lieder, die den Charakter des Kindes beschreiben, Lieder zur Heilung, auch Familienlieder persönlicher Art (in Form von Selbstbiographien), Heldenepen und Volkssagen wurden ebenfalls gefunden.

Samojeden – sind eine Untergruppe der uralischen Völker.
Nganasanen sind das am weitesten nördlich lebende Volk Eurasiens. Sie leben nördlich des Polarkreises auf dem Gebiet der Taimyr-Halbinsel. Die Samojeden sind Nachfahren der tungusischen Stämme der Eweken und sind wie diese Rentierzüchter und Halb-Nomaden.
Nenzen leben auf der Jamal-Insel und halten grosse Rentierherden. Sie sind ganzjährige Nomaden, die sich im Winter in der südlichen Taiga aufhalten und in den warmen, aber mückenreichen Sommermonaten durch die Tundra an die Küste des Polarmeeres wandern.


- Kirgisen – 1997 entstand eine Tengerische Gesellschaft in Bischkek und die Tengir-Ordo Foundation zur Erforschung des Tengerismus. (Dastan Sarygulov ist deren Leiter und gleichzeitig auch Abgeordneter zum kirgisischen Parlament).
 
- Korea, das zwischen China und Japan liegt, besitzt eine autonome Kultur, was ein wichtiges Merkmal darstellt: der Schamanismus stellt die älteste Schicht der Volksreligion mit einer Mischung der Ideologien des Buddhismus und Neokonfuzianismus dar. Die Position eines König-Schamanens kann bis zum Königreich Silla im 8. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Der Schamanismus wird als traditioneller Ausdruck der nationalen Kultur verstanden, wobei seine hervorragenden Vertreter als nationaler Schatz gelten und zum Aufbau einer  starken nationalen Identität eingesetzt werden.
 
- Mandschurei, heute eine der Regionen der Volksrepublik China, die von den unterschiedlichsten  Nationen bevölkert wird.  Die Mandschu-Nationalität gehört im heutigen China zu einer der Minderheiten (4,5 Millionen) und besitzt ein besonders starkes, historisch geprägtes Selbstbewusstsein, da sie den Kaiser (Herrscher) der letzten Dynastie stellten. Darüber hinaus leben sie in kompakten Gruppen in der Provinz, wo der Schamanimus auf eine sehr alte Tradition zurückblicken kann: hier gibt es eine ganz besondere Form des Clan-Shamanismus, und einige der wichtigsten Funktionen des Schamanen ergeben sich bei grossen Familienzusammenkünften.
 
Volk der Schoren und Chakassen glauben an die Existenz von Berggeistern (tag-azi) und Wassergeistern (shug-azi). Jeder Clan hat seinen eigenen Berggeist, der die Mitglieder des Clans beschützt. Alle drei Jahre werden auf dem Berg Opferzeremonien abgehalten; um ihren Respekt zum Ausdruck zu bringen, brachte jeder Schor dem Besitzer-Geist des Berges oder Flusses ein Trankopfer dar, wenn er/sie sich dieser nahe des Bergs oder Flusses aufhielt. Sie errichteten einen Owoo aus Steinen und trockenen Zweigen für sie auch auf den Flussufern und nahe der Furten. Dies sah wie eine Hütte aus, und für gewöhnlich ordneten sie Opfergaben darauf an: Steine, Lumpen, Pferdehaar etc. Bevor sie den Fluss überquerten, brachten sie gewöhnlich ein Opfer dar.
Das Volk der Chakassen lebte traditionellerweise als Nomaden, die Rinder hielten, Landwirtschaft betrieben und der Jagd und dem Fischfang nachgingen. Sie leben am Mittelverlauf des Jenissei-Flusses um die Minusinsk Ebene herum.
 
Tuva - Eine Art Renaissance erlebt der Schamanismus seit dem Jahr 1995. Diese Wiederbelebung ist insofern spürbar, als Schamanen und Lamas arbeiten, um die spirituelle Gesundheit der Menschen darzustellen. Die zwei Arten, die Kräuter- und die spirituelle Medizin, leben in stiller Eintracht.
M. B. Kenin-Lopsan spielte eine grosse Rolle dabei, dieses Interesse am Leben zu erhalten. Er ist kein ethnografischer Sammler sondern vielmehr auch Schriftsteller und Präsident der als Düngür bezeichneten Organisation (Düngür ist der Name der von den Tuva Schamanen gespielten Trommel). Die Mitglieder dieser Vereinigung sind heilende Schamanen, die in Kyzyl arbeiten.
 
Jakuten (Sakha - Sasa) Es waren die Schamanen, die ihre Traditionen am Leben erhielten, die alten Glaubensbekenntnisse in der mündlichen Epentradition und erzählten Mythologie - heute spricht die Bevölkerung der Sakha (Jakuten) nicht mehr die Sprache ihrer Vorfahren, aber sie haben damit begonnen, ihre Tradition der ethnischen Poesie wieder zum Ausdruck zu bringen und wieder als Heiler aktiv zu werden. Die Jakuten glauben, dass dieser Gott ein grauhaariger, geschwätziger alter Mann war, der ständig in Bewegung war.
 
Uiguren (Uygur, Uighur) – bedeutet: der Bund der neun Stämme (neun Klans) - diese Turk sprechenden Stämme lebten in alten Zeiten in Zentralasien um den Altai-Gebirgszug (Ost-Turkistan – Orchon Khanat) während der Wei Dynastie (386 – 534 AD) herum und später gemeinsam mit den Göktürks (Kokturks) im Khanat Göktürk (630 – 684 AD). Nach dem Zusammenbruch des uigurischen Kaiserreichs (840 AD) liessen sie sich in der Tarim Ebene nieder. Sie waren Stadtbewohner, Bauern mit Landwirtschaft und exzellente Klein- und Metallschmiede, die Eisenerz aus dem Jenissei verarbeiteten. Die Uiguren stellten talentiert Gegenstände aus Silber und Gold sowie Vasen und Krüge her. Die traditionelle Medizin war seit jeher auf einem sehr hohen Standard, und man findet immer noch an Strassenständen Kräutermedizin; an diesen Ständen wird auch medizinisch diagnostiziert. Heute leben sie in der autonomen Region Xinjiang in China und konvertierten im Jahre 934 zum Islam.
Die Gelben Uiguren (Yugor) in der chinesisch Provinz Gansu besassen ein System des Manchieismus, später des Buddhismus, wobei der von ihren praktizierte Schamanismus als Sonnenkult bekannt ist. Die Sonne und der Mond besitzen in ihren Volkssagen eine Seele. Die Sonne und das Feuer waren ursprünglich ein und derselbe Gott. Erst später wurden sie in zwei Gottheiten unterteilt.


11. Einfluss der Arier und Mithra Mythos

Indogermanische Stämme aus der heutigen Ukraine, dem Donez-Gebiet, brachten neue Einflüsse nach Asien – den Mithra Mythos und die Kräutermedizin.
Diese Höhlenmalereien und Jagdzauber waren der Gott der Natur und auch der Arische Kriegsgott der Feudalherren.

   
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© Albi - Face Music – Juli 2008

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