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– History – Schamanismus (Tengerismus) in der Mongolei




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P & C December 1998
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  Text in German

 
   

Ornament des Schamanismus

"Otschir", ein mongolischer Schamane, frühes
20. Jahrhundert

Schamanenbegräbnis – Sibirien (Republik Altai)

Schamanismus

Die Welt der Schamanen in Sibirien und Zentralasien, insbesondere jene der Völker der Mongolen, Burjaten und Tungusen (Ewenken), ist mit jener der Turkvölker im Hochaltai, der Altaier, Chakassen und Tuvinen sowie mit der Bon-Religion in Tibet verwandt. Die Stämme, die im nördlichen Teil der Mongolei leben (Darkhad, Tsaatan, Chotgoit und andere), die im Nordosten der Mongolei (Burjaten und Chamnigan) sowie die, in der westlichen Mongolei (Uriankhai) wie auch einige Stämme aus der Zentralmongolei, die Chalk, haben noch immer ihre alten schamanistischen Traditionen beibehalten. Diese Phänomene haben bis heute überlebt.

Schamanen üben eine Form einer animistischen Religion aus (Animismus – magischer Glaube – alle Menschen, Tiere und Dinge in der Natur besitzen eine Seele – Geist), die über verschiedene Bedeutungen und unterschiedliche Charaktere verfügt. Der Unterschied zwischen Seele und Geist wird dadurch erklärt, dass nur Menschen eine Seele haben, während der Begriff "Geist" eine abstrakte Bezeichnung darstellt, die mit einem grossen Spektrum natürlicher Phänomene in Zusammenhang gebracht werden kann. Man glaubt, dass sich der Animismus aus den Traumerfahrungen entwickelt haben muss, in welchen die Menschen sich fühlen, als ob sie unabhängig von ihrem Körper existieren, in die anderen Welten fliegen. Kurz gesagt, unternimmt die Seele "Reisen" ausserhalb des Körpers. Während solcher Traumreisen können sie verstorbene Verwandte, Freunde oder deren Geister (Seelen) treffen.
Das zentrale Element ist die Verehrung des Blauen Mächtigen Ewigen Himmels – "Blauer Himmel" (Köke Tengri, Erketü Tengri und Möngke Tengri). Es gibt insgesamt 99 Tengris (Himmelsgeister) oder himmlische Wesen in der unteren und oberen Welt, wobei Köke Möngke Tengri (Ewiger Blauer Himmel) davon der höchste ist. Er ist der Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt. In den asiatischen Mythologien wird eine solche monotheistische Welt durch zahlreiche Götter (Tengris, Burkhans und Herrscher) gekennzeichnet. Der Rangnächste zu Köke Möngke Tengri ist der Qurmusata König. Er besitzt eine ganz besondere Beziehung zum Ursprung des Feuers. Die Menschen erzählen, dass "Buddha das Licht anzündete und Qurmusata Tengri das Feuer erhitzte”. Das Feuer ist für dieses Volk heilig. Eine der Regeln (Tabus) besagt, dass "man nie das Feuer austreten oder Müll oder Wasser darauf schütten darf".

- Mehr Information dazu finden sie in den Epen über Geser oder den Schöpfer Ulgen.

Ähnliche Regeln und Traditionen findet man auch bei den einheimischen Völkern Nordamerikas, mit Bezug auf Mutter Erde und Vater Himmel wie auch die Geister von Tieren und in der Natur, was einen tiefen Respekt für die Kräfte der Natur und auch Respekt für ältere Menschen und die Ahnen widerspiegelt.

Tengers, Geister, menschliche Seelen, das Feuer und das Wasser: das sind die Elemente des grossen Himmelsbogens. Die Sonne und der Mond sind die Augen des Tengers. Die Sonne ist das Feuer und der Mond ist das Wasser, wobei dies eine der ältesten Religionen und Kulturtraditionen in unserer Welt darstellt. Die Burjaten und Mongolen haben verstanden, dass eines der wichtigsten Dinge, um die Welt im Gleichgewicht zu halten, der Respekt gegenüber Himmel, Wasser und der Erde ist. Die Welt ist voll von Geistern und Seelen, die in allen Dingen und an allen Plätzen präsent sind. Alle Tiere und Pflanzen besitzen Geister (Seelen) wie auch wir Menschen. Das mongolische Wort tegsch beschreibt den Zustand der Ausgeglichenheit mit allen ihnen.

Es ist sehr wichtig, sein Leben richtig zu führen, d.h. sich gegenüber allen diesen Geistern (Seelen) respektvoll und human (hun) zu verhalten. Dadurch befindet sich die Welt im Gleichgewicht, was dazu beiträgt, dass unsere Kraft (unser Windpferd – unsere psychische Kraft) gestärkt wird. Himmel und Erde mit allen ihren Geistern in der Natur sowie auch unsere Vorfahren versehen uns mit allem, was wir brauchen, und beschützen uns Menschen. Die Schamanen spielen in der Wiederherstellung des Gleichgewichts in unserer Welt eine grosse Rolle.

Das Universum der Mongolen kann durch einen Kreis visualisiert werden, nicht nur einen dreidimensionalen, sondern auch in der vierten Dimension der Zeit. Alles besitzt eine kreisförmige Bewegung, der Pfad der Sonne von einem Tag zum nächsten, der Jahreskreis von Jahr zu Jahr, sowie auch der Kreis aller lebender Geister, wenn sie zur Erde zurückkehren, um dort wieder und wieder wiedergeboren zu werden, der Kreis der Achse mit den vier Himmelsrichtungen und das Zentrum der Welt: die Achsen zur oberen Welt, den Ewigen Himmeln, und hinunter zur unteren Welt, der Mutter Erde. In der Reise eines Schamanen kann der Schamane den Weltenbaum (den toroo (Baumkrone) des Weltenbaums) erklimmen oder zur oberen Welt fliegen, hinunter mit dem Geistfluss zur unteren Welt reisen (der Weltenfluss tritt in die mittlere Welt von seiner Quelle in der oberen Welt ein), oder der Schamane kann ganz einfach einen Tunnel (Kanal) finden, um diesem dann zu folgen. Die Mongolen in der Inneren Mongolei verwendeten das Wort solongo (Regenbogen) für die Kraftträume der Schamanen, was bedeutet, dass der Schamane in seinem Schlaf über den Regenbogen in die obere Welt reisen kann.

- Mehr Information finden Sie über Traditionellen Schamanismus – Circle of Tengerism
Circle of Tengerism ist eine Organisation, die sich der Erhaltung der schamanischen Traditionen in Sibirien und der Mongolei widmet.
Der Zweck dieser Website besteht darin, den Abendländern unsere alten Glauben näher zu bringen und unsere Traditionen am Leben zu erhalten. Der Circle of Tengerism ist mit Golomt tuv, der offiziellen Vereinigung der Schamanen in der Mongolei, verbunden. - Homepage
- Mehr Informationen über eine solche Reise finden Sie z.B. im Epos über den Schamanen Nishan


- Die Vier Himmelsrichtungen (durvun zug)
- Das Ger und der Heilige Kreis
- Die Obere und die Untere Welt - die Weltmitte
- Windpferd (persönliche psychische Kraft) und Buyanhischig (Bayan)

- Die Welt der Natur
- Vater Himmel, Mutter Erde und die Himmelsobjekte
- Die Ahnen
- Tengers, Tschotgors, Ozoors, Ongons, Burkhans un
d andere Naturgeister
- Geister von Tieren, Totems, Tierführer und die Jagd
- Heilige Berge, Bäume, Serge und Owoo

- Die Welt der Geister
- Eine Vielzahl von Seelen, ihre Form und Funktion
- Der Kreislauf des Lebens und des Wassers
- Wenn Geister die Erde berühren – Sitten, Tabus und Ongons

- Was ist Schamanismus
- Der Schamane
- Trommeln, Halluzinogene, Wege zur Ekstase
- Ritt auf dem Kosmischen Ross - Geistreisen

- Tengerismus

- Heilung und Krankheitsursachen - Heiler

Die Vier Himmelsrichtungen (durvun zug)

Die vier Himmelsrichtungen spielen in der mongolischen Welt eine wichtige Rolle. Die Namen entsprechen den Bezeichnungen "vorne", "hinten oder hinter", "links" und "rechts". In früheren Zeiten bedeutete "vorne" Osten, aber heute bezeichnet es den Süden.

Die mongolische Welt schaut von Norden nach Süden. Der Süden wird "vorne" genannt, der Norden "hinten". Rechts (die westliche Seite) ist die männliche Welt und die Heimat der wohlwollenden Himmelsgeister (Tengers). Links (östliche Seite) ist die weibliche Welt und Heimat der Himmelsgeister, die Krankheiten und Unfrieden mit sich bringen. (Wenn ein Fuchs von links nach rechts geht, hat man an diesem Tag kein Glück)

Das Ger und der Heilige Kreis – siehe mehr Informationen unter: Jurte - Ger - Tschum - Sommerhaus

Die Obere und die Untere Welt – die Weltmitte

Die ursprüngliche Bevölkerung Sibiriens wie auch Amerikas glaubt, dass es drei Welten gibt: in gewisser Hinsicht die obere und die untere Welt oder einfach ein Konzept der Parallelwelten. Der Herrscher der unteren Welt (Unterwelt) ist Erleg Khan (oder Erlik Khan – mit dem bösen Geist), Sohn von Vater Himmel. Er besitzt die Herrschaft über die Seelen und bestimmt, wann und wo sie leibhaftig werden. Der Herrscher der oberen Welt ist Ulgen, der ebenfalls ein Sohn des Vater Himmels (Blauer Himmel) und Schöpfer der Welt ist.

Das Ger steht für das Zentrum der Welt. In Wirklichkeit befindet sich jeder Mensch Im Zentrum der Welt. Der Schamane bringt sich selbst während seines Rituals in der Weltmitte in Position. Am bekanntesten ist wohl dabei der Platz des Feuers im Ger, das den Treffpunkt zwischen der Welt und der Achse der drei Welten darstellt. Ein weiterer Platz ist die toroo (Baumkrone) des Weltenbaums, die ebenfalls eine Achse wie auch einen Pol als Weltenmitte definiert. Die Spitze der toroo des Baums berührt den Himmel beim Polarstern, dem Altan Hadaas, dem Himmelsnagel, der alle Himmel (Tengers, Götter und Herrscher) oben hält. Ein weiteres Bild für die Weltenmitte ist die Spitze des Mount Sümer (siehe mehr Information darüber, was Schambala - das Paradies ist), der Weltenberg. Die Spitze an der Weltenmitte liegt nahe des Polarsterns, und dessen Wurzeln ruhen auf einer Schildkröte in der unteren Welt.

Windpferd (persönliche psychische Kraft) und Buyanhischig (Bayan - Ladungsenergie)

Die persönliche psychische Kraft wird als hii (Wind) oder hiimori (Windpferd) bezeichnet. Schamanen beschäftigen sich mit der persönlichen Kraft und bringen eine gute Zukunft; sie bringen die Menschen in die perfekte Mitte des Universums, dabei unterstützt von Mutter Erde und Vater Himmel und vielen Hilfsgeistern, mit der kosmischen Seele (suns) als heller weisser Stern und der Körperseele (ami) als roter Lichtpunkt. Schamanen oder andere mächtige Menschen bringen mit ihrer persönlichen Kraft (Windpferd) das Universum und unser tägliches Leben ins Gleichgewicht. Menschen mit bösen Geistern neigen zu Selbstzerstörung.

Um unsere persönliche Kraft (Windpferd) ins Gleichgewicht zu bringen, muss man beten oder religiöse Handlungen vollziehen, die in unserem täglichen Leben darin bestehen können, den Himmeln (Tengers), Mutter Erde und anderen Geistern sowie unseren Vorfahren und der Natur Getränke, Gebete oder Ehrerbietungen darzubringen. Auch wird der heilige Rauch von Salbei, Thymian, Wacholder und anderen Kräutern verwendet. Dies hilft auf der Reise mit dem Windpferd oder wenn Schamanen beten. Opferungen sind ein anderer Weg, um an geheiligten Plätzen beten zu helfen, oder sie werden anlässlich von traditionellen Feiern eingesetzt.

Schamanen verwenden buyanhischig (bayan), wenn Menschen den Himmel oder die Geister segnen. Wir verlieren buyan (Energie – psychische Kraft), wenn wir Tabus brechen, indem wir den Geistern oder unsere Ahnen keinen Respekt zollen. Töten wir grundlos Tiere, so entweihen wir die Geister der Natur. Persönliche buyan Handlungen können z.B. darin bestehen, unseren Gästen Essen und Trinken anzubieten, oder Menschen in Not unsere Hilfe anzubieten. Buyan wird auch durch eine richtige Lebensweise erhöht (yostoi – in Einklang mit den Regeln der Religion), wenn wir religiösen Handlungen Respekt zollen und Opfer darbringen. Vater Himmel und die Geister können auch durch das dallaga Ritual angerufen werden, dessen wörtliche Bezeichnung beckons buyan ist (wenn Menschen als Kollektiv einen Kreistanz (yoro) beginnen, wobei ihre Hände eine Sonnenbewegung ausführen und dabei die Worte "hurai, hurai, hurai!" ausgesprochen werden).
Die Menschen müssen lernen, yostoi zu leben (nach den Regeln der Religion – Respekt der Tabus), was bedeutet, dass man alle Himmelsgötter und Geister respektieren und keine Tabus brechen soll, wodurch diese Welt aus dem Gleichgewicht gebracht wird.

Das buyanhischig vom Himmel scheint direkt mit dem Mondzyklus zu variieren; die mächtigsten Tage sind jene zu Neu- oder Vollmond. Der Sonnenzyklus, die Sonnenwende wie auch die Sonnenfinsternis, wird mit dem Mondzyklus in Zusammenhang gebracht, um die Tage für die Feierlichkeiten festzulegen. So wird z.B. das Weisser Mond Festival (Tsagaan Sar oder Sagaalgan – Bedeutung: der weisse Monat), mit welchem das Jahr beginnt, am ersten Neumond nach der Wintersonnwende, am Ende der 81 Tage dauernden Winterperiode (27. Februar) gefeiert. Am Abend von Bituun befinden sich alle Geister in der oberen Welt. Die Mongolen versammeln sich mit ihren Familien, um zu essen, trinken und die traditionellen Speisen für das Weisser Mond Festival vorzubereiten. Das Roter Kreis Festival wird an jenem Mondtag gefeiert, der der Sommersonnwende am nächsten ist (Ulaan Tergel). Alle Rituale des Kalenders basieren auf den Mondzyklen, Rituale für die Wassergeister (lus), Rituale für ovoo sowie die Feuerrituale.

Die Welt der Natur

Die Natur war für die Turkvölker Sibiriens und die Mongolen immer eine Inspiration. Die Endlosigkeit der Steppe, die Taiga, der Wald und der blaue Himmel – all dies ist die Welt der Natur in Sibirien. Der Baikalsee und der Altai-Gebirgszug, Khangai und Sayan. Diese Lebensweise drückt sich sehr gut im Wort tegsch aus, was soviel wie "mit der Welt der Natur und der menschlichen Gesellschaft im Gleichgewicht leben".

In der Mythologie der sibirischen und mongolischen Völker erklärt sich in den Märchen und Geschichten, welche die Eltern ihren Kinder erzählen, der Grund, warum die Dinge in der Natur erschaffen werden (uliger). Es wird erklärt, dass Tiere und Bäume ebenso wie die Menschen Geister (Seelen) haben. Der Wald, die Berge, die Seen, Flüsse, Felsen und Bäume besitzen alle ihre Geister (Seelen), und wir müssen sie dafür respektieren, dass sie uns Menschen ihre Geschenke in der Form von Nahrung und Zuflucht darbieten.

Vater Himmel, Mutter Erde und die Himmelsobjekte

Im Schamanismus spielen Vater Himmel (Tenger Etseg) und Mutter Erde (Gazar Eej - Etugan) die zentrale Rolle. Vater Himmel ist der zeitlose und endlose blaue Himmel. Er wird nicht als Person visualisiert und hat zwei Söhne: Ulgen (den Schöpfer der Welt) und Erleg Khan (böser Geist – die Macht der Unterwelt).

Mutter Erde (Gazar EejEtugan) wird wie Vater Himmel nicht visualisiert. Sie wird auch itugen genannt, und die Namen, die Schamanen, insbesondere weiblichen Schamanen, gegeben werden, sind Variationen ihres Namens (yadgan, utgan, udagan etc.). Ihre Tochter Umai ist die Göttin des Schosses und auch die Göttin der Körperseelen (ami), ähnlich dem Weltenbaum. Umai ist auch als Tenger Niannian bekannt, was sich aus dem Tungus-Wort für "Erde" ableitet. Bäume versinnbildlichen die Kraft und Macht von Mutter Erde, und sie wird auch an Bäumen verehrt, was in ganz passender Art und Weise ihre Macht und Schönheit widerspiegelt. Mutter Erde und ihre Tochter Umai werden um Fruchtbarkeit angebetet. Eine weitere Tochter namens Golomto, dem Geist des Feuers, wird in Feuerstein und Eisen wiedergeboren.

Tenger ist der Schöpfer der Welt und hält auch die Welt, die Natur, das Wetter und die Jahreszeiten im Gleichgewicht. Mithilfe des Blitzes zeigt Tenger seine Unzufriedenheit oder seine grosse spirituelle Kraft. Entsteht der Blitz aufgrund von Unzufriedenheit, so wird ein schamanistisches Ritual oder ein yohor Tanz (Kreistanz) aufgeführt.

Gegenstände, die vom Blitz getroffen wurden, Meteoriten oder alte Artefakte werden als Tengeriin us (Himmelshaar) bezeichnet. Sie enthalten einen Geist (utha), der als konzentriertes Paket himmlischer Kraft angesehen wird. Gegenstände, die vom Blitz getroffen wurden (nerjer uthatai), sowie Meteoriten (buumal uthatai) können in Milch oder Alkohol hineingegeben werden, um dadurch die Flüssigkeit mit der Energie des Geists des Objektes anzureichern. Schamanen trinken diese Flüssigkeit, um die Kraft des utha Geistes (himmlische Kraft) in sich aufzunehmen. Eine weitere Form von Tengeriin us ist der bezoar Stein, der für den Zauber zum Regenmachen verwendet wird.

Die Sonne und der Mond sind Tengers Augen; sie werden auch als zwei Schwestern gesehen; und ihre Wesen sind das Feuer und das Wasser. Ihr Licht repräsentiert die Macht von Tenger, der für immer auf die Erde herab scheint. Der Sonnen- und der Mondzyklus stehen für die Kreisform der Zeit und aller Vorgänge in der Natur.

Verschiedenen anderen Himmelskörpern spricht man ebenfalls spirituelle Kraft zu. Einer davon ist der Planet Venus (Tsolmon), der sowohl am Morgen als auch am Abend auf dem Himmel erscheinen kann. Tsolmon schickt die Kometen und Meteoren, die auch als "Kriegspfeile" bezeichnet werden. Der Grosse Bär wird Doloon Obgon (Doloon Uvgeddie sieben Ubgen – die Sieben Alten Männer oder die sieben Sterne) genannt. Ihre Position bezeichnet die Position des Polarsterns (Altan Hadaas), der den Himmel oben hält. Die Beobachtung, dass die Konstellation während des Jahres um die Achse des Polarsterns herum rotiert, führte zur Entwicklung des temdeg Symbols, das oberflächlich die swastika darstellt, in Wirklichkeit aber die Position des Grossen Bären während der vier Jahreszeiten versinnbildlicht. Die Plejaden (Mushid) werden als weitere Gruppe mächtiger Geister angesehen, und dabei handelt es sich auch um den Ort, an welchem die Himmelsgeister der westlichen Richtung sich trafen, wo sie beschlossen, den Adler als ersten Schamanen herunter zur Erde zu schicken. Während des Weisser-Mond-Festivals werden vierzehn Räucherstäbchen angezündet gehalten, dabei sieben für die Sieben Alten Männer und sieben für die Plejaden.

Es gibt kein schamanistisches Ritual, in dem nicht Vater Himmel, Mutter Erde und die Ahnen angerufen werden. Auch in den alltäglichen Tätigkeiten wird die Präsenz Tengers anerkannt, und er stellt einen wichtigen Bestandteil für das Leben im Gleichgewicht mit dem Universum dar. Wird eine neue Flasche Alkohol geöffnet, so wird der obere Teil des Inhalts in ein Gefäss abgeschöpft, nach aussen getragen und Vater Himmel, Mutter Erde und den Ahnen dargeboten. Dieses Ritual wird tsatsah genannt. Hausfrauen bieten auf dieselbe Weise Milch und Honig dar, indem sie um das Ger herum wandern und dabei die Flüssigkeit drei Mal in jede der vier Himmelsrichtungen spritzen. Die Rolle, die Tenger bei der Bestimmung des Schicksals spielt, ist in der Alltagssprache durch Phrasen wie Tengeriin boshig (Wille des Himmels) gewürdigt. Die Frauen müssen ihre Küchen und Kochutensilien immer sauber halten, denn wenn diese dreckig sind, so wird das als Beleidigung für Vater Himmel angesehen. An Feiertagen und zum Zeitpunkt der Opferungen für die Berggeister wird zu Tenger gebetet, und es werden ihm Opfer dargebracht. In Notzeiten wird Vater Himmel eine ganz spezielle Opfergabe dargebracht, die in einem privaten Ritual stattfindet. Rituale zum Regenmachen werden direkt an Tenger gerichtet, und sie werden an Owoo (Steinhügel - Schreine), die ebenfalls den lokalen Geistern (Tengers) oder den Berggeistern gewidmet sind, abgehalten. Jeder Mensch besitzt das Recht, sich direkt an Tenger zu richten und um Hilfe zu beten; und zwar wenn das Gleichgewicht durch ein Unglück oder die Einmischung eines mächtigen Geistes gestört wurde. Der Schamane verwendet die Kraft seiner Geistern, um die Verbindung seines Patienten mit den Tengers oder Hilfsgeistern wiederherzustellen und alles mit dem Universum wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In der Kopfkrone befindet sich ein kleines Stück Tenger; dabei handelt es sich um einen Verbindungspunkt zwischen dem Individuum, das sich in der Mitte der Welt befindet, und dem Himmel oben. Diesem Punkt wird von Tenger Energie zugeführt, die danach direkt in die Mitte der Seelensphäre der Person fliesst. Dieses Stück Tenger, das in der Kopfkrone eines Menschen sitzt, besitzt am Himmel ein Gegenstück. Je nach Grösse des Windpferdes (persönlicher Kraft) des Menschen, scheint dieser Stern heller oder dünkler. Bei seinem Tod verlischt der Stern.

Die Ahnen

Die Geister der Ahnen werden in allen Ritualen mit Vater Himmel und Mutter Erde eingesetzt. In der Tradition der Schamanen besteht die Seele aus verschiedenen Teilen, für gewöhnlich drei, wobei jeder Teil nach dem Tod ein anderes Schicksal annimmt. Eine Unterseele, die als suld oder unen fayenga bekannt ist, bleibt für immer als Ahnengeist auf der Erde. Ahnengeister bleiben mit ihren Nachkommen und anderen Verwandten als Beschützer und Helfer in Kontakt. Sie wohnen in natürlichen Objekten wie Felsen, Quellen oder Bäumen. Während eines Rituals werden sie von Schamanen als Hilfsgeister angerufen; und gewöhnlich befinden sie sich dann in einem Ongon (Geisterhaus, Schamanenwerkzeug oder Totems).

Für die Mongolen sind der Blaue Wolf oder der Rote Hirsch Ahnen; für die Burjaten ist der mythische Bukh Baabai Noyon (Fürst Vater Stier) ein Ahne. Der Bär ist eine Vorfahre vieler sibirischen Stämme; wobei das mongolische Wort für Bär baabgai ist und auch für "Vater" steht. Dschinghis Khan ist ein Ahnengeist für die Mongolen. Er wird als Beschützer der Nation und der Ehe verehrt.

Tengers (Himmelsgeister), Tschotgors, Ozoors, Ongons, Burkhans und andere Naturgeister

Es gibt viele verschiedene Arten von Geistern im Himmel und in der Natur; manche von ihnen sind sehr mächtig und können nicht von Schamanen kontrolliert werden; andere wiederum sind relativ leicht zu kontrollieren. Sie können während Schamanenritualen um Hilfe angerufen werden. Im Himmel wohnen auch die endur Geister, das sind die suns Seelen von Menschen, die ein solch aussergewöhnliches Leben gelebt haben, dass sie nicht in die Untere Welt zurückkehren. Sie sind nicht so mächtig wie die Tenger Geister und leben in den Wolken und sind für den Regen verantwortlich.

Die stärksten Naturgeister sind die Himmelsgeister (Tengers), die in jeder der vier Himmelsrichtungen wohnen. Die östlichen und westlichen Tenger werden mit den schwarzen und weissen Schamanen in Verbindung gebracht. Der westliche Tenger ist Ulgen, Sohn von Vater Himmel und Herrscher über die Geister der Oberen Welt. Er erschuf den Menschen, den Hund und alle Tiere. Der östliche Tenger ist Erleg Khan, Ulgens Bruder und Herrscher über die Geister der Unteren Welt. Er erschuf den Adler (der nicht verzehrt werden darf) und bringt mit sich die Geister der Krankheit (die bösten Geister). Usan Khan, der Herrscher der Wassergeister, wird von der südlichen Himmelsrichtung angerufen; Keiden Khan, der auch als Tatai Tenger bekannt ist, wird vom Norden aus angerufen; er ist der Herrscher über das gewalttätige Wetter, die Blitze und Stürme.

Auf der Erde wohnt eine grosse Vielzahl an Geistern, einschließlich dabei Tschotgors, Ozoors, Ongons, Burkhans und Gazriin Ezen. Bei vielen sibirischen Stämmen gibt es diese Naturgeister, die kollektiv als aazy Geister bekannt sind. Tschotgor Geister, die auch als kut oder abaas bekannt sind, bringen oftmals Krankheit, psychische Krankheit oder Verwirrung mit sich. Einige Tschotgors sind suns Geister toter Menschen, die den Weg in die Untere Welt nicht gefunden haben oder von dieser zurückgekehrt sind. Andere Geister wurden niemals leibhaftig, sondern existieren nur in der Natur und können bei Ritualen um Hilfe angerufen werden. Ozoor, Ongon und Burkhan Geister haben im Allgemeinen auf Menschen keine Auswirkung, aber sie können auch Probleme verursachen. Ozoor und Ongon Geister sind häufig suld Seelen von Ahnen; sie bewegen sich frei in der Natur. Sie sind die wichtigsten Hilfsgeister. Eine ganz spezielle Art des Ongon Geistes, der auch utha genannt wird, folgt Schamanenlinien und wirkt wie eine zusätzliche Seele oder ein Führer. Burkhan Geister sind sehr stark und können für gewöhnlich von einem Schamanen nicht kontrolliert werden; sie können nur dazu gedrängt werden, einen Patienten zu verlassen, wenn sie Krankheit auslösen. Schamanen mit sehr starken Geisterhelfern können auch über einen Burkhan die Kontrolle ergreifen; in einem solchen Fall wird dieser in einen weniger mächtigen Ongon Geist gezähmt. Gazriin Ezen sind die Meistergeister auf verschiedenen Orten auf der Erden, so etwa Bergen, Gewässern, Steinen, Bäumen, Gebäuden, Siedlungen, sogar Ländern. Sie kommen manchmal mit Ahnengeistern in Konflikt, die gewisse Orte in der Natur, die ihnen gehören, bewohnen möchten. Einige Begräbniszeremonien zielen darauf ab, den suld Geist der Verstorbenen und die Gazriin Ezen zu versöhnen, so dass der Ahnengeist wieder friedlich in der Natur wohnen kann.

Geister von Tieren, Totems, Tierführer und die Jagd

Die Welt des Waldes und des Wassers ist die Heimat wilder Tiere. Sie werden auch amitan, "die eine ami Seele besitzen" wie Menschen, genannt. Tiere werden oft als Wiedergeburt ihrer Spezies reinkarniert. Sie besitzen Persönlichkeit, Sprache und auch psychische Fähigkeiten.

Der Meistergeist aller jagenden Tiere ist auch als Bayan Ahaa (reicher alter Bruder) bekannt. Die Tiere mit dem höchsten Rang sind der Sibirische Tiger (amur), der Schneeleopard und der Bär. Die Burjaten nennen den Tiger auch Anda Bars (bester Tigerfreund) und beten für eine gute Jagd zu ihm. In Sibirien gilt der Bär als der König der Tiere und wird als Ahne verehrt. Viele Stämme halten spezielle Zeremonien ab, in welchen sie den Bären, nachdem er getötet wurde, ehren.

Dieser Respekt gegenüber Tiergeistern bestimmt auch gewisse Jagdregeln. Die Jäger entschuldigen sich bei den Tieren, wenn sie diese töten und sagen diesen, dass sie sie töten, um zum Überleben Fleisch und Haut zu erhalten. Haustiere werden ebenfalls sehr respektvoll getötet. So wird der Kopf nicht einfach abgeschnitten, da das Durchschneiden der Kehle die Seele verletzt. Der Kopf, die Kehle, die Lunge und das Herz, die in ihrer Gesamtheit als zuld bezeichnet werden, sind die Heimat der ami (Seele) des Tieres und sollte nur in einem Stück aus dem Körper entfernt werden. Wird ein Tier für ein Opfer getötet, so werden die Haut und die zuld auf Stäben aufgehängt, die in Richtung Himmel zeigen. Nachdem der Bär verzehrt wurde, werden sein Kopf und manchmal das gesamte Skelett auf einem Stab oder einer Plattform im Wald aufgelegt.

Gewisse Tiere gelten für Stämme oder Clans als Totems oder symbolische Ahnen. Die Berühmtesten dabei sind der Blaue Wolf und der Rote Hirsch, die mythischen Ahnen der Mongolen. Die Burjaten erkennen auch einen Stier als ihren Urahn an. Im gesamten sibirischen Raum wird der Adler als totem-artiger Ahne angesehen. Die Dagur (Innere Mongolei) behaupten, dass das Stachelschwein, die Schlange, der Fuchs, das Wiesel, die Spinne und der Fasan sehr wahrscheinlich Schamanen auf Seelenwanderung sind; die meisten dieser werden normalerweise nicht verzehrt. Tiergeister wirken für Schamanen auch als Führer und Lehrer.
Häufig ist das Totem ein Tier, es kommen aber auch Pflanzen vor. Man ist überzeugt, dass ihr mythischer Urahn oder Schöpfer von dem Totem verkörpert wird.

Flüsse, Seen, Bäche, Quellen und der Ozean sind die Heimat von Wassertieren und auch ein Durchgang für Geister auf ihren Reisen. Der Eistaucher und die Schellente werden als ganz besondere Wasservögel angesehen. Bei den sibirischen Völkern gibt es eine Legende, nach welcher in frühester Zeit die Welt mit Wasser bedeckt war; und es waren der Eistaucher und die Schellente, die Schlamm vom Meerboden heraufholten und diesen aufschütteten, bis Land entstand. Das Wasser ist voll von Geistern, und besonders dem Eistaucher wird die Fähigkeit, mit den Seelen im Wasser zu kommunizieren, zugesprochen. Der Schrei des Eistauchers wird in den Liedern mongolischer und sibirischer Schamanen oftmals imitiert. Bei den Fischen wird der Hecht als besonders mächtig angesehen; und Bilder dieses Fisches werden in Schamanenritualen der Samojen im Westen bis zu jenem der Tungusen in Ostsibirien verwendet.

Heilige Berge, Bäume, Serge und Owoo

Berge, Bachquellen, Wälder und einzelne Felsen und Steine gehören alle zu Mutter Erde, sie sind aber auch die Heimat der Gazriin Ezen, der Ort- und Naturgeister. Ein Baum symbolisiert die Weltenmitte, wo sich Himmel und Erde berühren, wo alle Zeiten und Orte miteinander verschmelzen. Diese können dadurch geehrt werden, dass man darauf ein Stück Tuch ablegt. Die einsame Birke, der sogenannte "Schamanenbaum", wird auch ongonmodon genannt, da man glaubt, dass in diesen Bäumen die Helfergeister der Schamanen, die Ongon, wohnen. Bäume symbolisieren auch den Weltenbaum, der für gewöhnlich durch eine Birke oder Weide versinnbildlicht wird. Die Burjaten haben einen hölzernen Owoo (Schrein), ebenfalls ein Symbol des Weltenbaums. Ein weiterer Ritualbaum ist der Serge, der aus einer jungen Birke gemacht ist.

Einige dieser waren einmal die Seelen von Menschen, Ahnen aus einer sehr frühen Zeit. Ein sehr majestätischer Berg oder Baum soll auch eine suld haben, wobei dies dasselbe Wort ist, mit dem man die Seele bezeichnet, die nach dem Tod in der Natur verbleibt. In ungewöhnlichen Felsen oder Bäumen sollen auch starke Geister wohnen, die man respektiert und denen man mit Gaben von Tabak oder Alkohol huldigt. Berggeister werden als sehr mächtig angesehen, und man betet um gute Jagd und ausreichend Nahrung in Form von natürlichen Pflanzen zu ihnen. Diese Zeremonien werden gewöhnlich etwa um die Zeiten der Sonnenfinsternis und Sonnenwende gefeiert und häufig von den Älteren des örtlichen Clans oder Stammes durchgeführt. Berggeistern und anderen mächtigen Gazriin Ezen wird an speziellen Schreinen, die als Owoo bezeichnet werden, gehuldigt; diese sind hohe Haufen aus Steinen und Baumzweigen mit einem etwa konischen Durchmesser.

Owoo (Hügel), Haufen oder Steinhaufen, entspricht einem Schamanenschrein (Altar). Dabei handelt es sich um einen Haufen aus Gebeinen oder Steinen. Diese können von Regionalgeistern, den Regionalgöttern (nibdagh and shiddagh) der Mongolen, bewohnt sein. Wenn man an einem Owoo vorbeikommt, so müssen die Reisenden drei Mal (im Uhrzeigersinn) darum herumgehen und einen Stein darauf ablegen. Dadurch erhöhen sie symbolisch die Kraft des Geistes, und durch das Hinaufgeben des Steins empfängt der Reisende Energie für sein Windpferd (persönliche psychische Kraft) und Glück für seine Reise. Owoo sind auch die Stätten einiger Zeremonien, die während des Jahres von nahewohnenden Familien oder Clans abgehalten werden; diese feiern hier in Ehrerbietung an die Regionalgeister wie auch Vater Himmel und Mutter Erde und anderer Schamanengeister.

Der barisaa (Gebetsbaum - Schrein) ist ein wichtiger Ort der Verehrung. Dieses Ritual verleiht dem Ort, an welchem auch immer es durchgeführt wird, Frieden und verringert Gewalt. Es sollte an so vielen Orten wie möglich durchgeführt werden, insbesondere an Orten, die eine Stätte des Todes – aufgrund von Krieg oder Gewalt – waren. Dabei werden die Naturgeister angerufen, um Inspiration zu bringen, die Herzen der Menschen zu beruhigen und Gedanken von Friede und Liebe in den Menschen einzupflanzen. Dabei handelt es sich um den Akt der ariulga, d.h. der Reinigung der Seele von bösen Naturgeistern. Das Ritual zur Besänftigung (Verringern der negativen Energie) der Geister hat beständige Auswirkungen, aus welchen alle Menschen in der Gemeinschaft, in der dieses Ritual zelebriert wird, Vorteil ziehen, und nicht nur die Beteiligten selbst. Der Baum wurde nun zu einem barisaa, einem Schamanenschrein für die Naturgeister.

Mongolischer Schamane in Suchbaatar
am Fluss Selenge



Tuur eine Schamanentrommel mit Zeichnungen
(Weltenbaum, Himmel, Obere und Untere Welt)
Die Welt der Geister

Die sprituelle Welt der Schamanen unterscheidet sich nicht wesentlich von der physischen Welt. Geister sind in allem und überall. Geister besitzen physische Körper, sie können in unwahrscheinlicher Geschwindigkeit fliegen und überall hinreisen, und sie können über grosse Entfernungen hinweg oder in der Vergangenheit oder Zukunft Dinge sehen und spüren. Im Westen erklärt man diese Phänomene mit Telepathie oder psychischen Fähigkeiten, Talenten, Dinge zu spüren, wobei sie sich die Fähigkeit der Geister, die die Menschen bewohnen, zu Nutze machen. Schamanen arbeiten während ihrer Rituale mit Geistern, um zu anderen Orten zu fliegen oder Dinge zu spüren, die weit entfernt sind, oder sie greifen in spiritueller Form auf die Hilfe ihrer utha (Himmelskraft) und anderer Geisthelfer (Ongons) zurück.

Eine Vielzahl von Seelen, ihre Form und Funktion

Alle Menschen und Tiere besitzen mehr als nur eine Seele; es sind viele Seelen notwendig, um einen physischen Körper zu bewohnen und lebendig zu machen. In Sibirien und der Mongolei glaubt man, dass Menschen zumindest drei Seelen besitzen; manche Gruppen wie die Samojeden glauben, dass es mehr sind: vier Seelen in Frauen und fünf in Männern. Auch Tiere besitzen zwei Seelen, die ami Körperseele und die suns Seele, von denen beide wiedergeboren werden.
  • Die suld Seele, die nach dem Tod in der Natur verweilt
  • Die ami Körperseele, die wiedergeboren wird
  • Die suns Seele, die ebenfalls wiedergeboren wird

Die drei Seelen befinden sich im Energiefeld, das den physischen Körper umgibt. Diese Sphäre besitzt eine aufrechte Achse in sich, die von sieben Löchern, die den sieben Chakren entsprechen (diese sind die sieben Energiepunkte eines Menschen), durchbohrt ist. Die suld Seele befindet sich auf der Kopfkrone, wo es eine direkte Verbindung mit Vater Himmel durch den kleinen Tenger, der sich ebenfalls dort befindet, gibt. Die anderen beiden Seelen schwanken durch die Löcher der Körperachse in der Form einer Sinuskurve vor und zurück. Um sich im perfekten Gleichgewicht zu befinden, sollten sich die suns und die ami Seele immer an gegenüberliegenden Seiten der Achsen aufhalten. Wird eine Person aufgeregt, so erhöht sich die Zirkulation der Seelen durch die sieben Löcher, wodurch das Herz schneller zu schlagen beginnt und dadurch ein Gefühl hoher Energie oder Spannung erzeugt wird. Das Gleichgewicht von suns und ami Seele kann durch einen spirituellen Angriff oder ein physisches Trauma zerstört werden. Im schlimmsten Fall können ami oder suns aus dem Körper getreten werden, und wenn dieser Zustand für eine längere Zeit andauert, so führt dies unweigerlich zu Krankheit oder geistiger Verwirrung. Im Fall eines Ungleichgewichts oder Seelenverlustes, ist die Hilfe des Schamanen gefragt, um die Ordnung wieder herzustellen.

Die suld ist die wohl individualisierte der drei menschlichen Seelen. Sie lebt in einem physischen Körper nur einmal, danach lebt sie in der Natur weiter. Nach dem Tod verweilt sie für eine gewisse Zeit lang um den Körper herum, und manche Gruppen schaffen deshalb Ongon (sie leben im Geisterhaus) für diese Seelen, um sie in der Nähe zu halten und ihre Hilfe und ihren Schutz in Anspruch nehmen zu können.

Die ami ist die Seele, die den Körper belebt. Sie ist mit der Fähigkeit zu atmen verbunden, amisgal (Tiere). Nach dem Tod kehrt sie zum Weltenbaum zurück, wo sie in seinen Ästen und Zweigen zwischen Himmel und Erde in der Form eines Vogels sitzt. Ami Seelen neigen dazu, unter Verwandten wiedergeboren zu werden. Sie stehen unter dem Schutz der Göttin des Schosses, Umai (Tochter von Mutter Erde), die sie auf Geisterpferde, omisi morin, setzt, um auf diese Weise bei der Geburt in den Körper einzudringen. Obwohl die ami zumindest vorübergehend etwa während einer Krankheit den Körper verlassen kann, verlässt sie diesen bis zum Tod des Menschen nie für immer.

Die suns Seele macht, so wie die suld Seele, die Persönlichkeit des Menschens aus, aber sie trägt in sich auch die gesammelten Erfahrungen vergangener Leben. Die suns bewohnt zwischen ihren Wiedergeburten die Untere Welt, kann aber als Geist zurückkehren, um Freunde oder Verwandte zu besuchen. Erleg Khan, der Herrscher der Unteren Welt, ist für die Absendung der suns Seelen verantwortlich und bestimmt, wann und wo diese wiedergeboren werden. War eine Seele während ihres Lebens aussergewöhnlich böse, so kann er sie nach Ela Guren senden; dabei handelt es sich um einen Teil der Unteren Welt, in welchem Seelen für immer ausgelöscht werden. Die suns Seele kann den Körper ebenfalls vorübergehend verlassen und manchmal sogar bis zur Unteren Welt wandern; in diesem Fall ist es ratsam, einen Schamanen zu Hilfe zu ziehen, damit dieser mit Erleg Khan verhandelt, damit die Seele zurückkehren kann.

Der Kreislauf des Lebens und des Wassers

Regen fällt auf die Erde, und Wasser fliesst von den Bodenquellen in die Untere Welt. Es fliesst wiederum ins Meer, wo das Wasser wieder in den Himmel (Blauer Himmel) aufsteigt und wieder als Regen zur Erde nieder fällt. Ähnlich werden auch menschliche Seelen geboren, folgen dem Weltenfluss zum Meer, und treten danach wieder an der Quelle empor, um wiedergeboren zu werden.

Wenn Geister die Erde berühren – Sitten, Tabus und Ongons (Geister im Haus)

Die Geister- und die physische Welt sind nicht wirklich von einander getrennt: sie berühren sich an vielen Orten überall. Es gibt gewisse Situationen, in welchen die Geisterwelt mit der Erde in Berührung kommt. Dies wird durch bestimmte Verhaltensregeln gesteuert. Dabei kann es sich um eine Person, wie etwa einen Schamanen, ein Neugeborenes oder einen toten Menschen, handeln. Geister und die Erde kommen in heiligen Bergen, Baumkronen, Owoo oder in einer speziell konzipierten Behausung für einen Geist, die als Ongon (Geisthaus) bezeichnet wird, miteinander in Berührung.

Neugeborene und ihre Mütter werden nach der Geburt für eine gewisse Zeit abgesondert. Der Name einer toten Person kann für eine gewisse Zeitspanne, von einigen Tagen bis ewig, ein Tabu werden. Man glaubt nämlich, dass die Erwähnung des Namens des verstorbenen Menschen sie oder ihn von der Unteren Welt zurückholen oder dazubringen kann, weiter hier zu verweilen. Und das kann sehr gefährlich sein.

Spirituell sehr mächtigen Orte in der Natur muss mit Respekt gegenüber den Geister, die dort wohnen, begegnet werden. Beleidigt man einen Geist, so kann dies zu einem Angriff auf die beleidigende Person oder seine Gemeinschaft führen. Andererseits bringt es Glück und Wohlstand, wenn man die Geister dieser Orte ehrt und huldigt.

Eine ganz spezielle Kontaktstelle zwischen Geisterwelt und Erde sind die Ongons, speziell hergestellte Häuser für Geister. Sie sind so lange den Menschen wohlwollend gestimmt, so lange sie mit Ehrerbietung behandelt werden. Ongons (Geisthaus) sind die wohl wichtigsten Werkzeuge der Schamanen in der Mongolei und in Sibirien, und sie sind in beinahe allen Stämmen zu finden. Es gibt sie in ganz unterschiedlichen Formen: sie können aus Holz geschnitzt sein, auf Leder gemalt, auf einem Holzband montiert oder aus Metall gefertigt. Materialen zur Herstellung von Ongons sind Holz, Leder, Filz, Steine, Pelze, Federn und Metall. Einige Ongons sind abstrakt, während andere Puppen ähneln. Die meisten Ongons werden von Ahnengeistern oder Tiergeistern bewohnt, aber sie können auch sehr mächtige Naturgeister enthalten. Nachdem es belebt wurde, wird einem Ongon dadurch die Ehre erwiesen, dass es im geheiligten Platz des Gers aufgestellt wird und ihm Gaben von Alkohol, Blut, Milk oder Fett dargeboten werden.
Zwei der wichtigsten Ongons, die in mongolischen Haushalten zu finden sind, sind Zol Zayaach und Avgaldai. Zol Zayaach ist als Mann-Frau-Paar dargestellt und ist ein Beschützer des Haushaltes und der Herden; Avgaldai ist eine Kupfermaske des Bärenahns und wird gelegentlich von einem Schamanen im alle drei Jahre stattfindenden ominan Ritual getragen, das alle Geister ehrt und neue Schamanen in die Gesellschaft einführt .
Schamanen besitzen normalerweise ein grosses Repertoire an Ongons (Werkzeuge), bei denen es sich um das Haus ihrer Helfergeister handelt; tatsächlich ist das Schamenenkostüm selbst ein Ongon des utha Geistes (Himmelskraft) des Schamanen. Spezielle Ongons können für Heilungszeremonien und Rituale zum Zurückholen einer Seele gefertigt und dann bei einem Patienten gelassen werden, damit der Heilungsprozess fortgeführt und die Seelen des Patienten beschützt wird. Temporäre Ongons aus Holz oder Gras werden manchmal in Ritualen verwendet, um einen Krankheitsgeist festzusetzen, der wieder freigelassen wird, wenn das Ongon danach in der Natur entleert wird. Ongons werden von Generation zu Generation weitergegeben, da der Geist auch weiterhin darin lebt; und wenn man den Geist vernachlässigt, so kann er durchaus feindselig werden.

Was ist Schamanismus

Wir in der westlichen Welt verwenden für die alten spirituellen Menschen der Mongolei und Sibiriens den Begriff "Schamane". Sie sprechen hingegen von Tengerismus. Schamanen sollen nicht verehrt, sondern nur als Priester des Tengerismus respektiert werden.

Im Tengerismus ist die Welt lebendig und voll von Geistern. Die Pflanzen, Tiere, Felsen, Berge und das Wasser, alle besitzen eine Seele. Diese Geister müssen respektiert werden, damit man mit ihnen allen im Gleichgewicht ist. Ausgeglichenheit ist eine wichtige Sache, um in sich selbst Harmonie zu halten, in der Gemeinschaft und in der Umwelt. Geraten die Dinge aus dem Gleichgewicht, so kann dies schädliche Auswirkungen haben. Dann brauchen wir einen Schamanen, der uns hilft. Anhänger des Tengerismus glauben an ein Konzept, das als buyan (physische Kraft) bezeichnet wird; dieses ist sehr stark dem Glauben an das Karma (Schicksal) ähnlich. Der Schamane verliert buyan (buyanhischig), wenn er Tabus verletzt und den Geistern oder unseren Ahnen keinen Respekt zollt.

Der Schamane

Im Westen glauben die Menschen, dass der Schamane etwas wie ein "Medizinmann", "heiliger Priester" oder "Zauberdoktor" ist. Aber in der Mongolei und in Sibirien sind die Schamanen nicht einfache Ärzte (Volksärzte), sie sind vielmehr sehr spirituelle Menschen. Es gibt in diesem Land viele verschiedene Formen von Heilern, und sie sind auf ihrem Gebiet wahre Meister. Es gibt otoschi (Heiler), barischi (Knocheneinrichter) und bariyachi (Hebammen). Man glaubt, dass alle diese Spezialisten irgendeine Form der Hilfe aus der Geisterwelt erhalten.

Es ist aber der Schamane, der die Welt der Geister wirklich meisterlich gut kennt. Der Schamane wird bei seiner Geburt von den Geistern auserwählt und erhält dann eine zusätzliche Seele namens utha, die in diese Person eintritt. Diese Seele hilft dem Schamanen, die Hilfe anderer Geister aufzunehmen. Ohne diesen Schutz, die Rituale und Geister sind die Weltenreisen sehr gefährlich. Die Hauptaufgabe des Schamanen besteht darin, das Gleichgewicht in seiner Gemeinschaft wiederherzustellen und zu erhalten. Schamanen sprechen Segnungen aus, vollziehen Schutzrituale, Jagdmagie, Zeremonien des Regenmachens und Weissagungen. Sie heilen auch Krankheiten spirituellen Ursprungs. Aufgrund ihrer Kenntnis alter Traditionen wurden in allen Zeiten ihr Rat und ihre Hilfe gesucht.

Bei manchen Stämmen gibt es mehr als nur eine Art von Schamanen, bei manchen Gruppen sind sie nach ihrer Macht und Kraft hierarchisch geordnet, oder sie werde als weisse oder schwarze Schamanen unterschieden – je nachdem, welche Geister sie verwenden und wohin sie reisen.

Rituale der Jagdzauberei stellen den Schamanen mit den Tier- und Naturgeistern in Kontakt. Die Wettermagie umfasst gewöhnlich das Regenmachen und Zurücksenden von Blitzen in den Himmel; dabei ist der direkte Kontakt mit Tengers (Himmelsgeister) erforderlich.

Schamanen verwenden für ihre Arbeit verschiedene Werkzeuge. Ihr Kostüm und ihre Ongons (Werkzeuge) sind gleichzeitig auch die Behausungen für ihre Helfergeister. Sie verwenden eine einseitige, handgehaltene Trommel (tuur) mit einem Durchmesser von gewöhnlich 60 cm oder mehr, um den Gesang und den Tanz, die einen fixen Bestandteil der meisten Zeremonien ausmachen, anzutreiben. Abgesehen von der Trommel ist das wichtigste Werkzeug eines Schamanen der toli, ein runder Spiegel aus Metall. Der Schamane befestigt viele toli an seinem Gewand, wenn er diese bekommen kann, aber das wichtigste dabei ist, einen toli über der Brust anzubringen. Ein toli wirkt wie ein Panzer und lenkt Angriffe durch Geister ab; er kann auch Licht reflektieren, um damit einen Geist zu blenden, und er absorbiert auch Energie aus dem Universum, wodurch die Kraft des Schamanen gestärkt wird. Die meisten Schamanen haben gewöhnlich einen oder zwei Assistenten, die Pferde darstellen; darauf reiten die Schamanen auf ihren Geistreisen.
Ein weiteres Werkzeug, das bei vielen Stämmen zu finden ist, ist der dalbuur, ein ritueller Anhänger (Amulett), das dazu verwendet wird, Geister aus Patienten auszutreiben. Es gibt auch zahlreiche Musikinstrumente, die von Schamanen in ihren Ritualen eingesetzt werden können: dabei ist die Maultrommel (hel khuur) wohl die bekannteste.
Schamanen von anderen Stämme verwenden Masken; die beliebteste dabei ist wohl die Bärenmaske, die für das ominan Ritual verwendet wird.

Barischis - Die Arbeit der Knocheneinrichter basiert auch auf mental losgelösten Geisteszuständen und Geisthelfern (sie können die Geister aber nicht kontrollieren). Die Hauptaufgabe eines barischi besteht darin, Knochen einzurichten und Ausrenkungen wieder zu fixieren. Auch behandeln sie in ihrer Arbeit Rückenschmerzen, Eiterbeulen, wunde Stellen und andere Hautkrankheiten. Man sagt, dass ein barischi einen Knochenbruch ebenso genau bestimmen kann wie eine Diagnosevorrichtung.
Bariyachi bedeutet "der, der erfasst"; bariyachis sind Frauen. Ihre Aufgabe ist zum Teil physisch, zum Teil spirituell. Gemeinsam mit ihren Aufgaben als Hebamme bindet die bariyachi die Nabelschnur mit einer Tiervene und wäscht danach das Baby in Salzwasser. Bariyachis rufen in ihrer Arbeit den Geist von Auli Barkhan an. Dieser Name bedeutet "Berggeist", ist aber auch der Name für einen wilden Fuchs. Der Geist des Fuches ist die Kraft der bariyachi.
Schmied - Dabei handelt es sich um einen spezialisierten Typ eines Schamanen. Der Schmied stellt die Ausrüstung des Schamanen aus Metall her und erfüllt sie mit Kraft und Macht. Metallspiegel toli, Klangkegelchen, Latten und Kopfbedeckungen sind nur einige der Produkte, die er herstellt. Das Feuer ihrer Brennöfen stellt gol (Feuergeist), den Herd, dar, und sie verwenden oftmals anstelle einer Trommel ein Amboss.
Schamanenassistenten - ein guter Assistant ist für den Schamanen von unschätzbarem Wert. In mongolischen Legenden wie Nishan zeigen Schamanen, wie der richtige Assistant eine Zeremonie erfolgreich machen kann. Die Aufgaben eines Schamanenassistenten reichen vom Erwärmen der Trommeln am Feuer über seine Hilfe bei der Ausrüstung bis zum Trommeln, wobei diese seine Hauptaufgaben darstellen. Schamanenassistenten sind gewöhnlich Menschen, die zwar sehr spirituell sind, aber nie eine besondere Berufung gespürt haben. Sie tragen keine speziellen Insignien, doch oftmals erweist ihnen der Schamane, mit dem sie arbeiten, die Ehre eines Schutztalismans als Geschenk.
Bezahlung von Schamanen – musste sich ebenfalls ändern. Die Tradition hat sich insofern entwickelt, als dem Schamanen drei Dinge zu überreichen sind:
- Der Schamane ist mit allen Dingen, die er für die Zeremonie benötigt, zu versehen. Dazu gehören Flaschen mit Wodka zur Herstellung von arshaan (Energiewasser) ebenso wie Schmiermaterialien, Reisekosten etc.
- Zweitens erhält er einen khadgas (khadak – einen zeremoniellen Schal), um mit diesem Tuch den Geistern seiner Ausrüstung seine Ehrerbietung auszusprechen.
- Drittens bekommt er eine Geschenk, das der finanziellen Situation der Person angepasst ist. Man merke, die Bezahlung erfolgt, um die Geister zu ehren und nicht den Schamanen selbst.
Wie wird man ein Schamane – dies ist oftmals ebenso Fluch wie Segen. Schamanen werden bei ihrer Geburt von den Geistern ausgewählt. Wird man als Schamane "niedergestreckt", so bedeutet dies, dass man als Person verstümmelt und in etwas Neues wiedergeboren wird. Es gibt zwei Arten, wie man derart ausgewählt werden kann: Erstens kann es sich um eine Erkrankung des Schamanen handeln, und zweitens geht es um Blitze. Dies bedeutet aber nicht, dass jeder, der eine Erfahrung mit dem Tod gemacht hat, auch ein Schamane ist. Die Menschen, die wirklich ein Potential dafür haben, werden als butur bezeichnet, was in der mongolischen Sprache “cocoon” bedeutet. Um Schamane zu werden, muss ein Mensch seine Berufung akzeptieren und von einem älteren Schamanen anerkannt und unterrichtet werden. Auch kann man dadurch ausgewählt werden, dass man vom Blitz niedergestreckt wird. Oftmals ist es aber unmöglich, ein Schamane zu werden, ohne dass sich in der Familie Schamanenvorfahren finden.

Schamanen haben sich nicht selbst als "Schamanen" bezeichnet - dieser Begriff stammt aus dem Westen und einigen Schamanismen-Revivals. Traditionelle Schamanen in Sibirien nehmen in ihrer Gemeinschaft gewöhnlich die Figur eines Doktors, Lehrers oder öffentlichen Person ein.

Trommeln, Halluzinogene, Wege zur Ekstase

Obwohl Schamanen dafür bekannt sind, für ihre Arbeit in Trance zu verfallen, werden in den meisten Ritualen verschiedene Techniken gemeinsam eingesetzt, um den Schamanen in Ekstase zu versetzen. Die Menschen, die dem Ritual beiwohnen, können dem Schamanen helfen, einen Zustand der Ekstase zu erreichen, indem sie Teile seines Liedes wiedergeben, Trommeln schlagen oder gemeinsam mit dem Trommeln laut schreien. Auch Kreistänze können die Energie verstärken und den Schamanen in die Obere Welt vorwärts treiben.

Das Schlagen der Schamanentrommel ist die wohl stärkste Art und Weise, Trance zu induzieren. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge können sich wiederholende Rhythmen in gewissen Frequenzen einen ähnlichen hypnotischen Zustand bewirken, wie dies beim Trancezustand eines Schamanen der Fall ist. Das Trommeln der Schamanen ist aber nicht von einer metronom-ähnlichen Gleichmässigkeit geprägt; vielmehr verlangsamt sich das Trommeln oder beschleunigt sich, es wird lauter oder leiser, je nach Geisteszustand des Schamanen zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Mongolische und sibirische Trommeln haben im Allgemeinen einen grossen Durchmesser und besitzen einen tiefen Resonanzton, der durch den Körper des Schamanen schwingt; die Trommel wird häufig auch nahe des Gesichtes oder über dem Kopf gehalten, so dass der Rhythmus mit grosser Kraft durch den Kopf und den Oberkörper schwingt.

Rauschmittel werden manchmal vor oder während des Rituals konsumiert. Schamanen trinken häufig während des schamanistischen Rituals Alkohol und halten an gewissen Stellen während des Rituals inne, um Tabak zu rauchen. Wacholder, ein leichtes Halluzinogen, wird praktisch in allen Ritualen in der Mongolei und in vielen Teilen Sibiriens zum Einsatz gebracht. Wacholderrauch wird in das Gesicht gewedelt und inhaliert, und während des Rituals wird die Luft im Ger dicht mit Wacholderrauch. Man glaubt, dass dieser heilige Rauch dabei hilft, das Windpferd (die psychische Kraft) auf den Reisen stärkt und die Geister besänftigt, so dass sie bereit sind, Hilfestellung zu leisten. Ein stärkeres Halluzinogen, der Fliegenpilz, wurde ebenfalls von ältester Zeit an mit dem sibirischen und mongolischen Schamanismus in Zusammenhang gebracht.

Das Erklettern der toroo (Krone) des Baumes stellt einen weiteren Weg zur Ekstase dar. Im Mongolischen sind das Wort für "hinausgehen" und "hinaufgehen" dasselbe, nämlich garah. Indem symbolisch die Darstellung des Weltenbaums erklettert wird, geht der Schamane wörtlich gesprochen von dieser Welt hinaus in die Welt der Geister. Die toroo des Baums bestitzt neun Stufen, und während der Schamane immer höher klettert, versetzen ihn das Singen, Trommeln und die ermutigenden Zurufe seiner Zuschauer in einen Zustand der Ekstase.

Einige Schamanen zeigen ihren Kontakt mit der Geistwelt dadurch, dass sie höömij (Oberton- oder Kehlkopfgesang) singen; dieser Gesang setzt sich aus einem Grundton und einem pfeifenden Oberton zusammen. Die Obertöne verdeutlichen den Kontakt mit der Geistwelt, während der Schamane physisch auf der Erde verbleibt (dargestellt durch den Grundton - bordun).

Die Verwandlung des Schamanen in das Tier oder den Vogel steht mit seinem Helfergeist und seinem Schutzgeist in Zusammenhang. Die Burjaten bezeichnen etwa den Schutzgeist des Schamanen als khubilgan, was etwa mit "Metamorphose" übersetzt werden könnte (vergleiche mit dem Verb 'khubilkhu' – 'sich selbst ändern, 'eine andere Gestalt annehmen'). In den meisten Fällen wird das Imitieren von Tieren als Tanz klassifiziert, so etwa imitierende Tanzrituale und ekstatische Ritualtänze. Im Falle des imitierenden Ritualtanzes gibt es die Verwandlung in zoomorphe Geiste, inwelche sich der Schamane selbst auf seiner Reise verwandelt.

Das Imitieren der Laute, die Tiere von sich geben, kann z.B. ein Pfeifen, ein Schreien, ein Heulen, das Rufen des Kuckucks etc. sein. Vorallem aber sind die natürlichen Imitationen von praktischer Bedeutung. Die Laute der Vögel werden etwa durch ein Falsetto und unterschiedliche Pfeiftechniken imitiert. Tierlaute werden mittels Nasen-Kehlkopf-Atmung auf der Grundlage eines Atmungskreises erzeugt, wodurch eine heisere Stimme, Grunzlaute, Brüllen usw. gebildet werden. Bei verschiedeen Indianerstämmen in Nord- und Südamerika muss sich der Schamane während seiner Aufnahmezeit diese Imitationsfähigkeiten aneignen.

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Ritt auf dem Kosmischen Ross - Geistreisen

Der Trancezustand des Schamanen zieht eine Reise zum Ort der Existenz der Geister nach sich; Schamanen erfahren diese Reise entweder als Flug (indem sie sich selbst in einen Vogel verwandeln - Metamorphose) oder Ritt auf einem Tier, das sie an diesen Ort in jener der drei Welten bringt, wo sie gebraucht werden. Diese Geistreisen können den Schamanen an Orte in unserer Welt bringen, oder es kann erforderlich sein, dass er in die Obere oder Untere Welt reisen muss. Reisen in die Untere Welt sind nur in solchen Fällen notwendig, in denen es darum geht, eine Seele zurückzuholen oder die Seele eines toten Menschen zu Erleg Khan zu bringen. In den meisten Ritualen muss der Schamane auf der Erde reisen oder in die Obere Welte aufsteigen. Reisen in die Untere Welt sind am schwierigsten, und nur die stärksten Schamanen können sicher dorthin reisen. Geistreisen beginnen gewöhnlich mit einer Bewegung nach oben, und selbst wenn die Reise in die Untere Welt geht, beginnt sie mit einem Flug, für gewöhnlich durch das Rauchloch (oberer Ring - tonoo) des Gers hindurch. Der Schamane kann dabei die Gestalt eines Vogels oder eines fliegenden übernatürlichen Reittieres annehmen. Das Reittier, auf dem der Schamane während seiner Reisen reitet, ist gewöhnlich ein fliegendes Pferd oder ein Hirsch.

Während er diese Verwandlungen durchlebt, kann es sein, dass der Schamane Tierlaute von sich gibt. Er kann während dieser Reise bewusstlos erscheinen, oder er kann bei Bewusstsein aber in einem Trancezustand sein und sich dabei herumbewegen, tanzen oder sogar seiner Zuschauerschaft mitteilen können, was er sieht. Die meisten Altai-Schamanen sprechen davon, dass sie auf einer Reise, ungeachtet dessen, in welcher Welt sie reisen, neun Grenzsteine (olohs) passieren. Vor Beginn eines Rituals wird die Trommel am Feuer erwärmt, was als amiluulah, "die Trommel zum Leben erwecken", bezeichnet wird. Die Trommel gibt nicht nur die Visionen durch ihren beständigen Takt vor, sondern ist vielmehr tatsächlich das Ross, auf welchem der Schamane zu seinem Ziel reitet. Kehrt er von seiner Reise zurück, so hustet der Schamane oder er stösst aus, um dadurch die Geister, die in seinem Körper mit ihm geritten waren, auszustossen. Danach singt er zur Ehrung seiner Geisterhelfer, bevor das Ritual seinem Ende zugeführt wird.

Tengerismus

Diese Art der Religion und diese Form von Ritualen wurden durch das Heidentum auch in Europa bekannt gemacht.

In einer Nomadengesellschaft ist die Mutter das Herzstück einer Familie. Die Männer kommen und gehen, wie es ihre Jagd- und Kriegsverpflichtungen erlauben. Aus diesem Grund ist es die Mutter, die das Feuer am Brennen hält und somit einen beständigen Einfluss auf die Familie ausübt. Deshalb wird die Frau durch die goldene Sonne, die konstant und schön ist, versinnbildlicht. Der Mann wird durch den Mond dargestellt, ruhig und mächtig, der aber auf seinen Reisen am Himmel ständig kommt und geht.

Tengerismus hat seine Wurzeln wahrscheinlich in der Steinzeit. Es wurden Felszeichnungen gefunden, auf welchen Schamanen bei Ritualen dargestellt sind. Es ist wirklich unglaublich, wie wenig sich im Laufe der Jahrtausende, seit welchen Tengerismus seine Ausdrucksform gefunden hat, geändert hat. Diese Glaubensform hatte aber auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Während der letzten Jahrhunderte war sie Schrecken und Verfolgung ausgesetzt. Der Herrscher Altan Khan war unter diesen grausamen Beherrschern wohl der jener mit der meisten Zerstörungskraft. 1577 wurde er Buddhist. Als Russland im Kommunismus lebte, wurden die Besitztümer von Schamanen konfisziert, sie selbst oftmals ins Gefängnis geworfen oder sogar getötet. An vielen Orten Sibiriens hielt sich dieser Glaube aber, wie er es seit Anbeginn der Menschheit an getan hatte. Nunmehr mit dem Ende des Kommunismus in Sibirien und der Mongolei kehrte die Religionsfreiheit zurück. Viele Menschen, die früher Angst hatten, ihren Glauben offen auszuüben, haben wieder zurück zu ihrem alten, traditionellen Glauben gefunden.

Heilung und Krankheitsursachen - Heiler

Schamanen ist sehr wohl bewusst, dass die physischen Symptome einer Krankheit ebenfalls behandelt werden müssen; und aus diesem Grund werden von ihnen zusätzlich zur spirituellen Heilung auch Heilkräuter verabreicht. Der spirituelle Aspekt der Krankheit ist aber insofern von Wichtigkeit, als die physischen Symptome allein nicht das wahre Problem sind. Das Zurückholen einer Seele ist gewöhnlich nur in Fällen sehr schwerer und chronischer Krankheit notwendig. Sind die ami und die suns Seelen nicht mehr im Körper, so ist es für diesen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, normal zu funktionieren.

Geister, die Krankheiten auslösen können, sind etwa Tschotgors, feindliche Ahnengeister, oder Burkhane, böse Schamanen. Tschotgors, die Ahnengeister, und auch andere weniger mächtige Naturgeister können oftmals einfach dadurch geheilt werden, dass gesungen oder das dalbuur (Anhänger, Amulett) über dem Patienten gependelt wird. Der Krankheitsgeist kann auch durch Gesten (zolgoh), des Saugens oder Ziehens durch welche er aus dem Körper herausgezogen wird, vertrieben werden. Mächtigere Geister oder feindliche Schamanen machen einen Zustand der Trance erforderlich. Burkhane sind dabei die mächtigsten, und es benötigt Opfergaben, damit sie den Körper wieder verlassen. Es kann sein, dass der Schamane Messer, ein glühendes Eisen oder Pfeil und Bogen einsetzen muss, um den Krankheitsgeist zu vertreiben, oder er muss ihm mit Licht, das von seinem Spiegel reflektiert wird, blenden. Ein Ongon (Geisthaus) oder der toli (Spiegel) können auch verwendet werden, um einen Geist einzufangen, um dadurch zu verhindern, dass dieser in eine andere Person springt. Einen Ongon verwendet man auch, um den Geist an einem natürlichen Ort auszusetzen, so dass er nicht zurückkehrt. Bei einigen Heilungen geht es tatsächlich um spirituelle Kriegsführung. Es kann sein, dass ein Schamane wirklich körperlich gewaltsam mit einem eigensinnigen Geist kämpft und dabei sogar Waffen einsetzt; seine Geister kämpfen dabei an seiner Seite, um den Eindringling zu unterwerfen oder zu vertreiben. Schamanen, die regelmässig in aggressiver Weise andere Menschen angreifen, können ihre Stellung in der Gemeinschaft verlieren oder sogar getötet werden.

Die Volksmedizin war in der Mongolei und in Sibirien immer von grosser Bedeutung. Kräuterkundler, Heiler und ihrer Traditionen unterscheiden sich aber von Stamm zu Stamm und von Region zu Region. Trotz dieser kleiner Unterschiede machten Heiler stets einen wichtigen Teil der Gesellschaft aus. Wir kennen Heiler mit zwei Traditionen, die sich den Zeichen der Zeit widersetzt haben und von den einheimischen Menschen noch immer angewandet werden.
Bei den Menschen der nördlichen Mongolei lautet der Begriff für einen Volksheiler Aradai-emshe, was übersetzt so viel wie "ein Medizinmensch, der mit Kräutern heilt" bedeutet. Bei den weiter nördlich angesiedelten Stämmen gibt es keine so strenge Geschlechtertrennung wie im Süden, da der chinesische Einfluss im Norden schwächer ist. Männliche Heiler sind genauso oft zu finden wie weibliche Vertreter dieser Zunft. Diese Menschen sind sehr spirituell und besitzen ein sehr umfangreiches Wissen über Pflanzen und Heilmittel.
Bei den Uiguren war die traditionelle Medizin seit jeher auf einem sehr hohen Standard, und man findet immer noch an Strassenständen Kräutermedizin.

Otoschi kommt von otaschi (Doktor) und okin (Tochter / Mädchen). Anders als Knocheneinrichter und Hebammen, folgt ihre Berufung keiner Familienlinie sondern ist dem Willen der Geister unterworfen.
Otoschis sind meistens weiblich, es gibt aber auch männliche Vertreter, von denen man weiss, dass sie ihrer Berufung gefolgt sind. Diese Heiler sind auf Fruchtbarkeit und die Thematik von Kinderkrankheiten spezialisiert, behandeln aber auch andere physische Erkrankungen.
Otoschis tragen einen Rock aus Tierhaut sowie einen ganz speziell gefärbten Hut. Anstelle einer Trommel verwenden sie oftmals einen farbenprächtigen Fächer mit Seidenstreifen. Manche tragen auch Gebetsperlen.
Diese Heiler werden von den Geistern des Windes und der Bäume geleitet. Aus diesem Grund werden sie auch nicht in der Erde begraben sondern erhalten eine "Windbestattung", indem sie in einen Baum gelegt wurden.
Otoschis waren immer sehr grosse Feministen. Die Buddhisten hassten sie wirklich, da sie glaubten, dass eine feministische Weltanschauung eine Bedrohung für ihre soziale Ordnung darstellte. Diese Buddhisten waren in ganz Zentralasien für ihre zahlenmässig grosse Zerstörung verantwortlich. Im Anschluss daran übernahmen die Buddhisten das Bedürfnis der Menschen nach Kräuterheilmitteln.
Die Otoschi Tradition wird heute nur noch von den Dagur (Innere Mongolei) bewahrt und behütet.

© Albi - Face Music - March 2006 - Revidiert von Hermeldinde Steiner - Oktober 2008

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